Stefan Wolf ist Vorstandsvorsitzender des Autozulieferers Elring-Klinger. Die Aktie des Unternehmens hat mal bei fast 35 Euro gestanden und ist jetzt für 5,50 zu haben. Die Branche insgesamt taumelt, weil der Weg in die Zukunft wenigstens für Verbrennungsmotoren langfristig verbarrikadiert scheint. Alternative Antriebsformen gibt es. Aber welche von denen landen wann in einer Sackgasse? Diese Frage kann derzeit zuverlässig niemand beantworten, weswegen das Interesse an Neufahrzeugen nachgelassen hat, und den Aktienkurs drückt. Darüber und über Auswirkungen aufs eigene Unternehmen sowie über Trends in der Politik haben wir mit Stefan Wolf gesprochen. Er ist zudem Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Südwestmetall und gehört zum engeren Beraterkreis des amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Vom Greta-Thunberg-Hype indes hält er nicht viel: Massenbewegungen, die eine solche Eigendynamik entwickeln, sagt er, hält er für äußerst bedenklich. Seine Antwort auf die automobile Zukunft heißt Brennstoffzelle, in Nischen könnten auch akkubetriebene Fahrzeuge dienlich sein.

Herr Wolf, fahren Sie gerne Auto in diesen Zeiten?

Dr. Stefan Wolf Ja, aber es kommt darauf an, wohin. Kürzlich war ich eingeladen zu einem Empfang in der Staatsgalerie. Der begann um 8.15 Uhr. In Bad Urach bin ich um 6.40 Uhr los. Um fünf Minuten nach acht standen wir auf der B 27 vor der Ausfahrt Filderstadt. Da sind wir dann raus und zurückgefahren nach Dettingen. Zur Staatsgalerie hätten wir bestimmt noch eine Stunde gebraucht. Es kann nicht sein, dass wir in einem Land leben, in dem die Verkehrspolitik in den vergangenen 15 Jahren alles falsch gemacht hat.

Und wenn Sie mit der Bahn gefahren wären?

Die Staatsgalerie ist ja nur ein Beispiel. Es gibt Orte, die erreiche ich mit der Bahn einfach nicht.

Welche Fehler kreiden Sie der Politik an?

Zunächst: Viele Brücken sind marode und müssen dringend saniert werden. Das verursacht künftig weitere Staus. Dann reden immer alle vom autonomen Fahren. Auf dem Weg nach Stuttgart fliege ich vier Mal aus dem Netz. Mit einem autonom fahrenden Auto würde ich wahrscheinlich im Graben landen. Die Politik hat komplett versagt, das gilt auch für die Digitalisierung. Ich kenne Firmen, die fertigen für ihre Kunden digitale 3D-Modelle an. Die sind längst davon abgekommen, sie als E-Mail zu versenden. Die gehen auf einer Speicherkarte per Post raus. Wir bei Elring-Klinger kennen solche Probleme auch: Wenn wir größere Dateien nach China schicken, warten die einen halben Tag darauf.

Sie sind Vorsitzender von Südwestmetall. Reizt es Sie, in die Politik einzusteigen?

Das hat mir schon immer Spaß gemacht. Sonst würde ich die Verbandsarbeit auch gar nicht machen. Mit 15 bin ich in die Junge Union eingetreten. Als ich vergangenes Jahr aus Sindelfingen nach Bad Urach gezogen bin, wurde ich gefragt, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren möchte. Aber ich habe keine Zeit dafür. Zurzeit gibt es viele spannende Themen.

Zum Beispiel die Frage, ob Klimaschutz und Autofahren künftig vereinbar sind. Sind sie?

Ich denke ja. Und ich bin froh, dass wir schon vor 20 Jahren damit begonnen haben, die Brennstoffzellentechnologie auf den richtigen Weg zu bringen. Ich halte diese Technologie für komplett CO2-neutral. Ein gravierender Nachteil der akkubetriebenen Elektrofahrzeuge ist der umweltschädigende Abbau von Lithium. Solche Abbaugebiete sind auf Jahrzehnte tot. Zudem ist Lithium endlich, und die Entsorgungsthematik ist in keinster Weise geklärt.

Auch die Herstellung von Wasserstoff verbraucht Ressourcen.

Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass diese dazu notwendige Energie CO2-neutral produziert wird. Sonst würden wir uns ein Eigentor schießen. Nehmen wir die Windkraft: Windräder laufen auch nachts, der Bedarf an Strom ist dann gering. Strom könnte über Elektrolyse sofort in Wasserstoff umgewandelt werden. Der größte Vorteil: Jede Tankstelle könnte sofort mit Wasserstoffzapfsäulen ausgestattet werden. Einen Akku aufzuladen, dauert selbst bei Schnellladestellen 15 Minuten. Und wehe, zu viele wollen gleichzeitig aufladen. Dann kann das Stromnetz in die Knie gehen. Noch ein Vorteil der Brennstoffzelle: Sie hat die größere Reichweite, und wenn wir komplett auf regenerative Energien setzen, kommt beim Brennstoffzellenfahrzeug hinten nur Wasser raus und vorne weder Strom aus Kohle- oder Atomkraftwerken rein.

Wie weit sind wir von der massentauglichen Brennstoffzelle noch entfernt?

Wir können komplette Brennstoffzellenmodule anbieten, aber auch Batteriemodule. Solche liefern wir etwa für das Solarfahrzeug Sion von Sono Motors.

Sehen Sie der Ankündigung von Daimler gelassen entgegen, wonach die Untertürkheimer ab dem Jahr 2039 keine reinen Verbrennungsmotoren mehr bauen möchten?

Ja, denn das glaube ich nicht. Ich glaube, dass es bis dahin viel weniger sein werden. In zwei Jahren wird der Verbrennungsmotor seinen Höchststand erleben, dann werden weltweit 90 Millionen verkauft. Vielleicht wird diese Zahl in zehn oder 20 Jahren halbiert.

Immerhin sind deutsche Autofahrer derzeit verunsichert. Das Dieselfahrverbot in manchen Städten führt zur Zurückhaltung beim Autokauf, auch weil niemand weiß, inwiefern sich solche Fahrverbote nicht auch auf Benziner übertragen werden. Die Aktie von Elring-Klinger hat an Wert verloren.

Ja, aber wir sind sehr solide aufgestellt. Der Aktienkurs hat gelitten, aber wir befinden uns in guter Gesellschaft. Es ist für mich völlig verständlich, dass viele Verbraucher sagen, sie behalten ihren Wagen noch ein paar Jahre und warten auf die neue E-Mobilität. Unsere Industrie ist derzeit für den Kapitalmarkt nicht mehr besonders attraktiv. Aktienkurse werden immer von verschiedenen Faktoren beeinflusst – von externen wie auch von internen. Direkt können wir sie nicht beeinflussen, denn letztlich bestimmt der Kapitalmarkt darüber. Wenn wir die externen Faktoren betrachten, so lasten derzeit sicherlich die Dieselaffäre, die immer neuerlichen Betrugsvorwürfe und die zunehmenden Dieselfahrverbote in Innenstädten grundsätzlich auf dem gesamten Automobilsektor. Indirekten Einfluss auf den Aktienkurs können wir über unsere strategische Ausrichtung sowie unsere operative Stärke ausüben.

Wie reagieren sie im Unternehmen darauf, ist Kurzarbeit ein Thema?

Nein, derzeit bauen wir lediglich unsere Flexizeiten ab. Unsere Mitarbeiter haben ein Arbeitszeitkonto, das von einigen Plusstunden bis ins Minus flexibel gestaltet werden kann.

Wo steht die Brennstoffzelle in zehn Jahren?

Wir müssen sie dringend in die Fahrzeuge integrieren. Aber wir brauchen ein Zusammenspiel in konzertierter Form von Politik und Herstellern. Die Politik sollte beispielsweise keine Kaufprämien anbieten, sondern die Forschung unterstützen. Wir stehen im Wettbewerb zu anderen Märkten dieser Welt. Wenn wir nicht aufpassen, spielt die Musik künftig woanders.

Wie eng ist Ihr Kontakt zur Politik?

Eng. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Ministerpräsident Winfried Kretschmann, ich gehöre zum engen Beraterkreis. Zudem bin ich im Strategiedialog Automobilwirtschaft vertreten. Und als Vorsitzender von Südwestmetall kann ich die Erfahrungen anderer Firmen mit alternativen Antriebstechnologien einfließen lassen. Ich lasse nichts unversucht, die Leute von der Brennstoffzelle zu überzeugen.

Vielleicht hilft Ihnen ja Greta Thunberg und ihre Bewegung „Fridays for Future“.

Dazu habe ich eine zweigeteilte Meinung. Es gibt Menschen, die den Klimawandel negieren. Solche Sommer, solche Gewitter: Das gab es vor 20 Jahren noch nicht. Wir müssen etwas tun, aber wissenschaftlich fundiert. Wenn ein Mädchen mit einem Pappschild um den Hals eine solche Dynamik entfacht, werde ich nachdenklich. Ich mag keine Massenbewegungen. Kürzlich in Stuttgart sah ich, wie einige von ihnen, ich sage es jetzt überspitzt, nach der Demo in Papas Cayenne einstiegen. Zurück blieb eine Müllhalde von Starbucks-Bechern. Es handelt sich um eine Dynamik ohne Substanz. Wir sind für Klimaschutz, sagen die, können aber nicht erklären warum und wie. Wir aber haben eine Lösung. Die heißt Brennstoffzelle.

Die Europawahlen geben eher Greta recht.

Das stimmt, ein befreundetes Ehepaar, von dem ich weiß, dass beide immer CDU-Wähler waren. Jetzt haben sie Grüne gewählt. Warum? Sie haben drei Kinder und wissen nicht, wie die Welt in 50 Jahren aussieht. Ein bisschen haben wir alle das Gefühl, dass man an die Politiker gar nicht mehr herankommt.