Tübingen 450 Fans feiern Tina Dico im Sudhaus

Ergreifende Dynamik: Tina Dico glänzte im Sudhaus. Foto: Jürgen Spieß
Ergreifende Dynamik: Tina Dico glänzte im Sudhaus. Foto: Jürgen Spieß
JÜRGEN SPIESS 11.03.2013
Ihre Stimme ist klar und markant: Die dänische Sängerin Tina Dico trat mit Helgi Jonsson vor 450 Fans im seit Wochen ausverkauften Sudhaus auf.

Tina Dico ist keine Pop-Königin, die dauernd zum Kostümwechsel hinter die Bühne verschwindet. Auch von Glamour und Party hält sie wenig. Sie liebt es ruhig und leise - und steht dennoch im Rampenlicht. In Dänemark füllt sie große Konzerthallen und ist dafür bekannt, sich immer wieder neu zu erfinden. Mal firmiert sie unter ihrem Geburtsnamen Dickow, mal unter ihrem Künstlernamen Dico. Sie spielte in einer Fernsehserie und in einer Londoner Rockband mit, feierte mit ihrer eigenen Popband große Erfolge - vor allem in ihrer Heimat. 2008 lernte sie den isländischen Musiker Helgi Jonsson kennen und bildet mit ihm seitdem ein kongeniales Duo. Gemeinsam haben sie 2012 Dicos fünftes Album "Where Do You Go To Disappear?" eingespielt, und ihren Fans war sofort klar, dass sich die 35-Jährige wieder neu erfinden würde.

Dass sie dabei aber eines der leisesten, verquersten und zugleich reizvollsten Popalben herausbringen würde, konnte man nur hoffen. Und live übertrifft sie sich noch mal selbst. Das sei allen, die nicht im Sudhaus waren, gesagt.

Im Studio bastelten Dico und Jonsson an Sounds, die zwischen Folk und Pop oszillieren und zugleich an den frühen Bob Dylan erinnern. Ihr Auftritt ist ein schillerndes und zeitgemäßes Erlebnis, das sich das einverleibt, was nicht alltäglich ist, und was vielen gängigen Popformationen abgeht. Dass es dennoch Pop ist, bester Pop, ist das Geheimnis dieses Konzerts. Und dass man zu dieser Musik auch mitklatschen und mitsingen kann, begreift man erst live, wenn sich Dicos markante Stimme mit den von Jonsson gespielten Instrumenten Posaune, Piano oder Gitarre verzahnt.

Es sind vor allem die leiseren Songs, die eine oft ergreifende Dynamik entwickeln. Die Sängerin und Gitarristin mit den langen, blonden Haaren lässt ihrem Begleiter viel Raum zum Improvisieren. Aber trotz des instrumentalen Aufwands, den Jonsson betreibt, das Zentrum bleibt sie. Die Augen sind auf sie gerichtet, die Herzen fliegen ihr zu. Egal ob sie nun aus ihrem Leben erzählt, ihre fantastische Stimme einsetzt oder etwas unbeholfen wirkende Tanzschritte vollführt. Egal ob sie sich als eine Marlene Dietrich des 21. Jahrhunderts oder als ätherische Fee inszeniert - man verfällt ihr. Ohne zu wissen, wer von diesen vielen Ichs sie wirklich ist.

Zuhören wird in ihrer Gegenwart zu einem intensiven Akt. Titel wie "On the run", "You wanna teach me to dance" oder "Paper thin" sind voller Leidenschaft, Empathie und Verletzlichkeit. Selten schafft es eine Sängerin, dieses spezielle Gefühl hinzukriegen, ohne auf Rock"n" Roll-Mechanismen zurückzugreifen. Bis zum Schluss, bis nach der dritten Zugabe wickeln Dico und Jonsson ihr Publikum scheinbar mit links um den kleinen Finger. Alles ohne große Show: Dicos Ausstrahlung und ihre mal poppigen, mal folkig angehauchten Songs erledigen das ganz alleine.