Venzianische Messe Wo sich Fantasie und Realität treffen

Susanne Yvette Walter 10.09.2018

Die Pantomime hat wieder einmal Einzug gehalten in Ludwigsburg und erinnert die Stadt direkt an ihren Auftrag als Barockstadt. Die erste Venezianische Messe hatte Herzog Carl Eugen hier vor 250 Jahren abgehalten. Zum doppelten Jubiläum – es war zudem das 25. Jahr nach der Wiederbelebung der Venezianischen Messe – kamen Schätzungen zufolge insgesamt 55 000 Besucher. Ein neuer Rekord.

Immer und immer wieder begeistern die wundersamen Figuren die Zuschauer, die zu Tausenden hier eine völlig neue Gesellschaft formieren. Die Besucher, teils in Masken und selbst in wallenden Gewändern, halten die Handys nur zu gerne hoch, wenn Arlecchino und Colombina in vielen Facetten die Comedia del Arte auf den Plan rufen.

Holzkarussell und Fischmobil

Hier wird das Holzkarussell noch mit den Füßen gebremst, und im Café braucht es keine Worte, um sich zu verständigen. Hier tribeln schmucke, freche und vorlaute „Venezianer“ mit dem Fischmobil und verkünden, das sei Fischertechnik. Alles lacht, nur der Fisch aus Blech, der den Pedaletreter umfängt, zieht unbeirrt seine Bahnen zwischen den beiden Ludwigsburger Kirchen. In besagtem Holzkarussell wird Geige gespielt, live und ohne doppelten Boden. Kleine Tischchen, die Platz bieten für zwei Personen drehen sich im Kreis, und wenn das Schauspiel für einen Moment unterbrochen ist, füllt sich das Karussell ganz schnell mit den nächsten Fahrgästen – bevorzugt Erwachsene.

Stille schöne Bilder tun sich auf an allen Ecken des Marktplatzes und in der Mitte zwischen den beiden Kirchen. Hier ist Raum für berühmte Musiker, die sich genau auf diese Situation spezialisiert haben. Und für Maskenträger, die Feste dieser Art lieben und dafür Hunderte von Kilometern auf sich nehmen. „Das gibt es viel zu selten. Leider ist auch im echten Venedig nicht das ganze Jahr über Maskenball“, bedauert einer von vielen „Dottores de la Peste“ inständig. Der Pestdoktor ganz in Schwarz mit der langen weißen Nase an seiner weißen Maske, erscheint mit am Häufigsten auf dem Platz.

Und nicht nur den Akteuren und Zuschauern ist die Freude ins Gesicht geschrieben. Jubel gab es auch bei den Veranstaltern der Venezianischen Messe Ludwigsburg. Auf der Pressekonferenz am Sonntagnachmittag vermeldeten sie einen Besucherrrekord: 55 000 Menschen waren übers Wochenende in die Barockstadt gekommen. Das ergaben Schätzung von Tourismus & Events Ludwigsburg. „Das Zuschauerinteresse war enorm, allein in den Schlossgarten kamen 5000 Menschen“, so Rainer Kittel, seit 25 Jahren Künstlerischer Leiter der Venezianischen Messe. „Die Straßen waren so voll und dicht wie nie.“

Die venezianisch Gewandeten lieben die Inszenierung, lassen die langen fächerartigen Ärmel im Wind flattern und formieren sich zu Figuren, die sich in nichts von ihren Vettern aus Muranoglas unterscheiden. Wer Lust hat, nimmt ganz entspannt in einer der schwarzen Holzboote Platz, die wohl die Gondeln repräsentieren sollen, und lässt skurrile Gestalten an sich vorbeiziehen. Wer die Action sucht, gesellt sich in die Menschentraube, die sich immer dann vor der Bühne bildet, wenn wieder ein paar Jongleure dort gegen die Schwerkraft kämpfen.

Gewandete Gruppen wie die Venezianer, Arcobaleno und Barocco Venezia haben ihre große Stunden. Und immer mehr deutsche Vereine erobern wohl die Messe, die einst ein Einfall von Herzog Carl Eugen war. Die erste Venezianische Messe erlebte der Herzog mit seinem Hofstaat vor 250 Jahren, als er mit seinem ganzen Gefolge vom Residenzschloss zum Marktplatz zog. Im Jahr 1993 wurde die Idee wieder aufgegriffen. Daher wurde diesmal gleich doppelt Jubiläum gefeiert.

Viele stehen sich gerne die Beine in den Bauch, um hier bei der Venezianischen Messe nur ja den Auftakt nicht zu versäumen, die Prozession vom Blühenden Barock hinüber zum Marktplatz, angeführt vom berühmten Gondelpaar. Fesitvalleiter Rainer Kittel hat diesmal alle Register gezogen, um ein möglichst surreales Panoptikum zu schaffen, eine Welt, in der sich Fantasie und Realität begegnen.

1000 vergoldete Münzen und eine Sondermarke wurden gestanzt und gedruckt, um dieses besondere Ereignis festzuhalten. Selbst die Briefmarke zeigt das venezianische Messwappen. „Damit kann man gleich von hier aus einen Brief auf handgeschöpften Büttenpapier mit einem Pergamentkuvert abschicken“, lacht Udo Lutz, der die Münzen am Stand verkauft.

Anlässlich des Doppeljubiläums war auch die Schlossverwaltung Ludwigsburg am Rahmenprogramm beteiligt: So wurde beispielsweise am Samstagabend im Schloss bei „Living History“-Rundgängen mit dem Titel „Incognito – Der Hofstaat geht zum Maskenball“ Geschichte lebendig. „Die Nachfrage war so groß, dass wir zusätzliche Führungen ins Programm genommen haben“, berichtet Stephan Hurst, Leiter der Schlossverwaltung Ludwigsburg. Die nächste Venezianische Messe findet in zwei Jahren, im September 2020, statt.