Schlossfestspiele Wiener Schmäh in der Fremde

Die Schlossfestspiele einmal überraschend volkstümlich: Karl Stirner (Zither) und Walther Soyka (Harmonika) mit Schrammel-Musik im Ludwigsburger Schlosstheater.
Die Schlossfestspiele einmal überraschend volkstümlich: Karl Stirner (Zither) und Walther Soyka (Harmonika) mit Schrammel-Musik im Ludwigsburger Schlosstheater. © Foto: Martin Kalb
Sandra Bildmann 11.06.2018

Dort, wo sie herkommen und wo sie spielen, da bedarf es keiner Erklärung. Da blickt kein seriöses Konzertpublikum erwartungsvoll auf eine Bühne und wartet auf das Programm nach Ansage. Dort, wo Karl Stirner (Zither) und Walther Soyka (Harmonika) zu Hause sind, ist ihre Musik Kulturgut. Dort versteht man sich ohne Worte. Und wenn doch welche benutzt werden, führen sie nicht zu Verwirrungen.

Doch im schwäbischen Lande ist der Wiener Schmäh in der Fremde. Die Eigentümlichkeit und der launige Humor des Wiener Schmäh kann anderswo auf der Welt vielleicht als Seltsamkeit oder Lustlosigkeit aufgefasst werden. Der Wiener Schmäh ist tatsächlich jedoch Teil einer tief verwurzelten Kultur aus dem europäischen Nachbarland.

Um den Auftritt des Harmonika- und Zither-Duos „Soyka und Stirner“ am Samstagabend im Schlosstheater zu verstehen, braucht der Zuhörer unbedingt nicht nur diese Kenntnisse, sondern auch eine Antenne für die Wiener Lebensauffassung. Wie könnte er es sonst verzeihen, wenn der Künstler auf der Bühne trocken sagt: „Da verspiele ich mich immer. Aber das ist eh wurscht. Es ist ja kein Konzert.“ Dass er sich nicht verspielen wird, sondern große Klasse hat, das wusste das Publikum an dieser Stelle längst.

Jene Volksmusik mit Harmonika und Zither hat keine leichte Aufgabe vor sich, wenn sie sich auf einer Konzertbühne zurechtfinden soll. Ihr Zuhause sind eigentlich die Heurigen – Schänken, die am ehesten mit Besenwirtschaften vergleichbar sind. Insofern war die Entscheidung von Thomas Wördehoff, dem Intendanten der Schlossfestspiele, das Duo extra aus Wien für dieses Gastspiel nach Ludwigsburg zu holen, eine mutige.

Und tatsächlich schien sich diese Form der Musik auf der Bühne des Schlosstheaters ein wenig unwohl zu fühlen. Es konnte merkwürdig wirken, dass das Duo sich spontan auf der Bühne austauschte, was es als nächstes spielen will und dass die Erklärungen und Anekdoten, die Walther Soyka erzählte, relativ spontan wirkten. Doch wer das Konzert gedanklich in einen anderen Kontext setzte – in ein geselliges ungezwungenes Miteinander bei Speis‘ und Trank – der konnte die wunderbare Atmosphäre und Stimmung dieser Musik spüren.

Zumal Soyka und Stirner große Meister sind. Nicht nur im Beherrschen ihres jeweiligen Instruments, sondern vor allem im Zusammenspiel. Eine solche Selbstverständlichkeit im gemeinsamen Musizieren, die sich neben technischer Perfektion besonders im ausgesprochen organischen Gestalten der Ritardandi und Accelerandi offenbarte, ist selten.

Die Musik, die sie spielten, stammt von hierzulande unbekannten Komponisten, zum Teil ist die Herkunft den Interpreten selbst nicht bekannt. Bei Volksmusik war das zur Entstehungszeit auch nie wichtig. Sie diente schließlich der Unterhaltung. Vor allem die „Slibovitz-Polka“ – die das Duo eigener Aussage nach zuvor noch nie gemeinsam gespielt hatte – und der „Wiener Heurigen-Marsch“ von Rudolf Strohmayer kamen beim Ludwigsburger Publikum prima an.

Überhaupt wirkte das Programm im zweiten Teil nach der Pause etwas schwungvoller. Mit Märschen und Tänzen von Johann Schrammel – gemeinsam mit seinen Brüdern Namensgeber der berühmten Schrammel-Musik – und weiteren Vertretern dieses Volksguts brachten Walther Soyka und Karl Stirner den Zuhörern diese Traditionsmusik näher. Von einem „Ländler in A“ gibt es nicht einmal mehr Noten –  „Nur mehr hier“, sagte Soyka und deutete auf seinen Kopf.

Gegen Ende spielte das Duo das Walzer-Idyll „Morgengruß“ von Schrammel und ihr Lieblingsstück von Josef Mikulas. Zwei herausragend schöne Kompositionen, die mit ihrem Interpretenduo auch die Herzen der Zuhörer eroberte, die den Wiener Volksmusikgeist bisher vielleicht nur aus Erzählungen kannten. Selbst wenn das Publikum dabei gegessen und getrunken hätte, so hätte es wohl damit aufgehört und stattdessen andächtig gelauscht.