Ludwigsburg Vier Chöre, vier Solisten, zwei Dirigenten und ein Orchester gestalten Verdis Requiem

Über 300 Menschen bevölkern die Bühne im Forum, um Verdis "Messa di Requiem" aufzuführen.
Über 300 Menschen bevölkern die Bühne im Forum, um Verdis "Messa di Requiem" aufzuführen. © Foto: Martin Kalb
Ludwigsburg / PATRICIA FLEISCHMANN 22.10.2013
Ganz gewaltig wirkt schon das Bild: Über 300 Menschen bevölkern die Bühne im Forum bei diesem Wahnsinns-Vokal- und Instrumentalspekatkel: eine Wand aus Menschen, ein Gipfel an Können auch.

Giuseppe Verdis Requiem steht an im 200. Geburtstagsjahr des großen Opernkomponisten, zugleich das zehnte Jahr des Philharmonischen Chores Ludwigsburg. Vorn, bedrohlich nah an der Rampe, die vier Solisten und Dirigent Ulrich Egerer, dann rund 70 Musiker des Orchesters "arcademia sinfonica" Balingen, gefolgt von vier großen Chören: Neben dem Konzertchor Mannheim taten sich der Kammerchor Korntal-Münchingen sowie der Philharmonische Chor Waiblingen mit dem Ludwigsburger Chor zusammen, um die Jubiläen von Chor und Komponist zu feiern.

Ganz gewaltig ist vor allem aber das Hörereignis, das Chor, Solisten und Orchester entstehen lassen. Fein abgestimmt haben die Leiter ihre Klangkörper, von zartesten, kaum wahrnehmbaren Klängen, die stetig anschwellen bis hin zu Tutti-Potz-und-Blitz-Erlebnissen. Einfach berauschend, wenn Streicher und Bläser fortissimo spielen, darüber der Chor seine Flächen und Akzente ausbreitet und dennoch die Solisten, allen voran Evgenia Grekovas Sopran, über allem schweben. Ein Ohrenschmaus, ein Juwel an Hörvergnügen, das seinesgleichen sucht. Und recht exklusiv bleiben wird: In Ludwigsburg fand nun das letzte von insgesamt drei Konzerten statt.

Doch wer weiß: Nicht auszuschließen, dass dieses Monumentalkunstwerk öfter gespielt werden wird. Schließlich musste schon Verdi sein Konzert drei Mal wiederholen, nach der Uraufführung im Mai 1874. Konzerte im Ausland sollten folgen. Er, der sich seinem Landgut gewidmet hatte, anstatt weiter Opern zu komponieren, unterbrach das Ackerpflügen eigens für die Arbeit am Requiem, brauchte dafür länger als für seine Opern. Und hielt sich - zum Glück - nicht an die strengen Regeln eines Requiems, sondern interpretierte sie frei.

Diese Freiheit verkörpern Sänger wie Instrumentalisten auf der Forumsbühne mit Wonne. Besondere Rollen kommen freilich den vier Gesangssolisten zu, die optisch wie akustisch im Vordergrund stehen: Neben Grekova der Tenor Michael Feyfar und - Lehrer und einstige Schülerin stehen hier gemeinsam auf der Bühne - Lionel Fawcetts Bass sowie Dorothee Böhnisch im Alt. Ein gewaltiges Werk, fern bloßer liturgischer Begleitung. Ein Requiem, das genauso gut als Oper durchginge oder Filmmusik zu einem Leinwanddrama, das mit Effekten arbeitet, das Todesnähe wie Freiheitsdrang expressivst vertont, das seinen Solisten psychologische Tiefe schenkt anstatt liturgischer Einheitsrollen, das ungeschönt unsere Gefühlswelt anrührt - und das darob umso besser wirkt. Verdi spielt herrlich mit Bombast wie mit Balsam, die Interpreten taten es ihm nach.

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