Seit Freitag sitzt Renate Wendt, Vorsitzende der Aktiven Senioren Bietigheim-Bissingen, fast ununterbrochen am Telefon. Sie telefoniert die Mitglieder des Vereins ab, vor allem, die, von denen sie weiß, dass sie alleine leben. Denn Senioren sollten möglichst keinen Kontakt mehr zu anderen haben. „Unsere Angebote im Enzpavillon sind abgesagt, nun mache ich mir Sorgen um die Senioren, die zum Teil nun in sozialer Isolation leben“, sagt Wendt. Mittlerweile hat sie mit einigen Mitstreitern eine Telefonkette organisiert: „Wir lassen niemanden alleine“, so Wendt. Zweimal die Woche sollen alleinstehende Senioren angerufen werden, „einfach für ein Schwätzchen, denn viele haben in diesen Zeiten keine andere Ansprache“. Aber ohne persönlichen Kontakte, „wir wollen nicht, dass jemand angesteckt wird oder jemanden ansteckt, wir gehören ja alle zu den Alten“.

Frank Wittendorfer, Bürgermeister von Oberriexingen, und sein Team auf dem Rathaus haben entschieden, Hilfsangebote für Isolierte in der Verwaltung zu organisieren, um die Hilfe kontrollieren zu können. Sie ist damit im Kreis die erste Gemeinde, die die ehrenamtliche Hilfe kanalisiert. „Wir sind ein kleiner Ort und ich will wissen, dass in Oberriexingen jeder gut versorgt wird“, sagt er. Im Moment wird ein Stab eingerichtet, der die ehrenamtlichen Helfer auf den Bedarf verteilt. „Wir haben hier im Rathaus die Möglichkeit, dies organisatorisch zu leisten, also machen wir es“.

Wittendorfer denkt, dass die professionellen Organisationen, die Nachbarschaftshilfe leisten, bald an ihre Grenzen geraten und deswegen will er eine ehrenamtliche Hilfe anbieten. Zudem gebe es einige Menschen, die sich professionelle Dienste nicht leisten könnten. „Menschen, die uns helfen wollen, können sich direkt an mich per E-Mail (wittendorfer@oberriexingen.de) wenden“, so der Oberriexinger Bürgermeister.

Ute Epple, Geschäftsführerin der evangelischen Diakoniestation Bietigheim und für die Nachbarschaftshilfe zuständig, findet private Initiativen zwar „aller Ehren wert, wenn es um einen Nachbarn geht, der mich kennt“. Aber sie warnt davor, fremden Menschen zu vertrauen. Natürlich könne man sich unter Nachbarn helfen, aber Fremden solle man nicht vertrauen, „da wird dem Betrug Tür und Tor geöffnet“, so Epple.

Die Nachbarschaftshilfe sei momentan personell sehr gut aufgestellt, weil es einige Senioren gebe, die den Einkaufsdienst abbestellt haben und sich aus Angst vor dem Coronavirus lieber von Verwandten versorgen ließen. Mit den frei gewordenen Mitarbeitern könne man auch mit mehr Einkaufsdiensten fertig werden. Zudem, so Epple, rate sie allen Senioren dazu, die sozialen Kontakte einzustellen. „Wir professionellen Pflegedienste, und damit spreche ich für alle Anbieter, sind sehr darauf bedacht, dass sich unser Personal nicht ansteckt und auch unsere Kunden nicht.“ Wer gerne helfen würde, könne sich anstatt im Internet auch bei der Nachbarschaftshilfe melden, „noch sind wir genug Mitarbeiter, aber das kann sich schnell ändern“, sagt sie.

Nachbarschaftshilfe im Internet


In den sozialen Netzwerken organisieren sich viele, um zu helfen. Auf Facebook hat Rabea Knoß spontan die „Coronahilfe Gruppe Ludwigsburg“ gegründet. Die Gruppe wuchs innerhalb von nicht einmal zwei Tagen auf fast 600 Mitglieder, das Ziel sind 1000 helfende Hände. Melden können sich Menschen, die zum Beispiel für andere, die es nicht können, einkaufen oder mit dem Hund Gassi gehen. Knoß und ihre Mitstreiter haben sich bereits Rat bei einem befreundeten Juristen geholt, um sicher zu stellen, dass keine Datenschutzgesetze verletzt werden.

Aus der Pressestelle des Ludwigsburger Rathauses heißt es in puncto Organisation von Hilfe: „Es ist geplant, beim Fachbereich Bürgerschaftliches Engagement, Soziales und Wohnen eine Anlauf- und Koordinationsstelle zu schaffen, bei der Bürger, die Hilfe benötigen, sich melden können. Wir werden dann über verschiedene Netzwerke Hilfe vermitteln.“ mbo