Geht der große Osmanen-Rocker-Prozess nach knapp einjähriger Hauptverhandlung im Stammheimer Sicherheits-Gerichtssaal jetzt zu Ende wie das „Hornberger Schießen“? Über 100 Zeugen wurden gehört. Das Gericht hat große Teile der Anklage – Mordversuch, Zuhälterei, Waffenhandel – eingestellt. Zwei der acht Angeklagten sind inzwischen auf freiem Fuß. Vor allem der brutale Ludwigsburger Überfall auf einen Kurden vom 21. November 2017 bleibt wohl ungesühnt.

Zwei Angeklagte sind frei

Noch zwei oder höchstens drei Tage wollen die Richter der 3. Großen Strafkammer gegen die acht Rocker-Mitglieder im Gerichtssaal des OLG-Gebäudes in Stuttgart-Stammheim verhandeln. Spätestens Ende dieses Monats sollen die Urteile fallen, wie die Anwälte sagen. Inzwischen ist gegen einen 38-Jährigen mit letztem Wohnsitz in Bietigheim-Bisssingen, das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eingestellt worden. Der ebenfalls zur Gruppe Osmanen Germania BC zugerechnete Mann durfte letzte Woche den Gerichtsaal als freier Mann verlassen.

Auch ein 24-Jähriger, der angeblich bei dem Ludwigsburger Überfall dabei gewesen sein soll, befindet sich wieder auf freiem Fuß. Seinen Haftbefehl hat die Kammer gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt. Er habe möglicherweise mit einer Strafe auf Bewährung zu erwarten. Mit ein Grund für die Beweisprobleme ist auch das Auftreten des „Kronzeugen“ Mustafa Kilinc, der aus der Türkei eingereist war. Er hatte im Zeugenstand nur einen Satz gesagt: „Ich sage nichts!“

Die brutale Attacke in Ludwigsburg mit einem Schwerverletzten will das Gericht deshalb einstellen. Nun soll nächste Woche die Beweisaufnahme abgeschlossen und ein Urteil gesprochen werden.

Die Hauptangeklagten sind Mehmet Bagci, einst selbsternannter Welt-Präsident der Osmanen Germania BC, der sich von den Untergebenen als „Führer“  ansprechen lässt, sein Vize-Präsident Sahin Selcuk, zuständig für den Chapter Stuttgart und Ludwigsburg, sowie der sogenannte Stuttgarter „Waffenmeister“ Levent Uzundal, die Vorwürfe: versuchter Mord, Erpressung, gefährliche Körperverletzung, Drogenhandel, Waffenhandel und Zuhälterei. Vom Mordvorwurf gegen Bagci ist der Staatsanwalt inzwischen selbst abgerückt, nachdem das Gericht Beweisprobleme bekanntgab und damit der Ludwigsburger Fall wegfallen wird. Das sei laut Strafkammer derzeit nicht mit Sicherheit auch nur einem der acht Angeklagten anzulasten.

Vorwurf steht noch im Raum

Bagci hingegen ist noch nicht frei, obwohl ein weiterer Vorwurf gegen ihn wegen Zeugenbedrohung im Raum steht. Er soll jenes Opfer, welches bei einer Bestrafungsaktion in Herrenberg durch einen Pistolenschuss und Folterung mit Rohrzange verletzt wurde, dazu verleitet haben, den eigentlichen Täter zu entlasten. Aber auch das mangelt am Beweis, so das Gericht. Er könnte in Freiheit kommen, wenn das Darmstädter Landgericht einen Haftbefehl wegen Bandendiebstahls gegen ihn ebenfalls außer Vollzug setzt.

Allerdings liegt noch ein gewichtiger Beweisantrag der Verteidigung der Anwälte des Stuttgarter Osmanen-Vizechefs Levent Uzundal vor. Darin beantragten die Verteidiger Zeugenladungen aus den Reihen der Beamten des Bundesverfassungsschutzes, die angeblich bei einem Geheimtreffen am 12. April vorletzten Jahres in Köln mit dem Thema Extremismus- und Terrorismusabwehr befasst waren. Dabei gewesen sein sollen auch Mitarbeiter der Generalbundesanwaltschaft. Auch diese Beamten wollen die Verteidiger im Zeugenstand vernehmen. Über den Antrag hat das Gericht aber noch nicht entschieden. Prozessbeobachter gehen davon aus, dass er abgelehnt wird.

Vermutlich am 24. Januar, somit zehn Monate nach Beginn des Prozesses, sollen die Urteile verkündet werden.