Am Mittwoch erhielt Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht einen Anruf der Bremer Bürgermeisterin Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne). Sie teilte ihm mit, dass die Ludwigsburger Dezernentin Gabriele Nießen Baustaatsrätin werden solle. „Das ist sehr bedauerlich, aber ich habe großes Verständnis dafür“, sagt Knecht. Er wählt einen Vergleich, der die Dimension des Karrieresprungs verdeutlicht: „Wenn ich Bürgermeister in Norddeutschland wäre, meine Familie noch in Ludwigsburg wohnen würde und ich dort ein Angebot als Staatssekretär in Hamburg bekäme, könnte ich auch nicht Nein sagen.“ Das kleinste Bundesland Bremen hat erst im August eine neue rot-rot-grüne Landesregierung unter Andreas Bovenschulte (SPD) gebildet. Senatoren entsprechen Ministern in Flächenländern.

Von Senatorin angerufen

Im Bauressort gibt es unterhalb dieser Ebene zwei Staatsräte, die die Senatorin vertreten und als „politische Beamte“ den Verwaltungsbetrieb leiten. „Ich habe mich nicht beworben, sondern bin von der Senatorin angerufen worden“, sagt Gabriele Nießen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehe sie aus Ludwigsburg. „Es gefällt mir hervorragend hier“, sagt sie, „ich habe vieles angestoßen.“ Für einen vergleichbaren Posten wäre sie nicht gewechselt. Doch nun reizt es die 55-Jährige, auf der landespolitischen Ebene tätig zu werden: „Solche Chancen gibt es nur selten.“

Ein Faktor, der bei der Entscheidung eine Rolle gespielt haben dürfe, ist auch die private Situation. Nießens Familie wohnt noch in Oldenburg. Eigentlich war geplant, für Februar eine Bleibe in Ludwigsburg zu suchen. Nun bleibt den Kindern und dem Ehemann ein Umzug erspart – Bremen ist nur 50 Kilometer von Oldenburg entfernt.

Bedauern in der Politik

„Das ist sehr schade“, meint CDU-Fraktionschef Klaus Herrmann dazu. Quer über die Parteigrenzen hinweg wird Nießen gute Arbeit bescheinigt. So sagt der FDP-Mann Johann Heer: „Wir haben sehr gut zusammen gearbeitet.“ Die SPD-Fraktionschefin Margit Liepins hatte sich gefreut, dass eine kompetente Frau ein sonst eher von Männern dominiertes Ressort geleitet hat. In den Ratssitzungen trat Nießen selbstbewusst auf, Konflikte entschärfte sie durch ihre verbindliche Art. Erst in dieser Woche gelang es ihr, die Bedenken zahlreicher Anlieger gegen das geplante Baugebiet Gämsenberg zu zerstreuen. Der Grünen-Sprecher Michael Vierling bescheinigt Nießen, für eine „moderne, nachhaltige Verwaltung“ eingetreten zu sein. Vielleicht sei der Wechsel nach Ludwigsburg nach dem erzwungenen Abgang in Oldenburg für sie ein „Seitenschritt“ gewesen. Alle äußern aber auch Verständnis.

Nun muss bis zum 1. Februar, ein neuer Dezernent gefunden werden. An der erst im vergangenen Jahr festgezurrten Struktur auf der Bürgermeisterbank soll festgehalten werden. „Wir haben so viele Aufgaben, dass wir vier Dezernate benötigen“, so OB Knecht. In Bremen freut sich Senatorin Schaefer über Nießens Wechsel: „Sie ist fachlich hoch qualifiziert und hat viel Führungserfahrung.“