Schlossfestspiele Spröde Suiten werden im Tanz lebendig

Ludwigsburg / Susanne Yvette Walter 14.07.2018

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele widmen sich dem Ungewissen. Auch Johann Sebastian Bach fiel, wie fast jeder Mensch, zeitweise ins Ungewisse über seine Zukunft, als seine erste Frau Maria Barbara plötzlich verstarb. In dieser Zeit komponierte der Thomaskantor Suiten für Violoncello solo, die durchweg eines gemeinsam haben, einen etüdenhaften strengen Charakter, der nicht wirklich zur Aufführung reizt. In Kombination mit Ballett sieht die Sache allerdings anders aus. Am Donnerstagabend schlüpfte der Tänzer Bostjan Antoncic in die potenzielle Gedanken- und Gefühlswelt Bachs und versuchte dessen Emotionen im Tanz Ausdruck zu verleihen.

Die berühmte Stecknadel

Im Forum hört man die berühmte Stecknadel fallen, während der Cellist Jean-Guihen Queyras auswendig eine Cellosuite um die nächste spielt. Ganz allein sitzt er in der Bühnenmitte, notenlos und voller Töne im Kopf, die er abspult wie ein Uhrwerk, und doch: Diese seriellen Reihungen von Melodiemotiven zu pointieren ist die Aufgabe des Abends. Nur so kommt, wenn überhaupt, so etwas wie Klangfarbe ins Spiel. Der heutige Zuhörer langweilt sich, trotz aller Fingerfertigkeit, die nötig ist, um diese minimalistisch anmutenden Suiten überhaupt zu realisieren, denn alle sechs Suiten auf einen Schlag erfordern schon Durchhaltevermögen.

Dem Ganzen eine wirkliche Bedeutung geben erst die Tänzer wie Bostjan Antoncic und Femke Gyselinck, Marie Gournot, Julien Monty und Michael Pomero. Die Suiten selbst waren Grundlage für dieses Tanztheater, in dem Jean-Guihen Queyras versucht, melodischen Wendungen Gefühle des Komponisten zuzuordnen: Er streckt sich auf dem Boden aus, macht sich ganz lang, verfällt in elektrisierende Bewegungen, kauert, dreht Pirouetten in ihrer schönsten Form und schreitet die Bühne ab, mal scheinbar in Gedanken versunken, mal strategisch planend, mal einfach nur, um vielleicht in der ungewissen Situation besonders selbstsicher aufzutreten.

Der Versuch allein erfordert höchstes Können, zum einen vom Cellisten, der ohne Pause mehr als eineinhalb Stunden Cellosuiten in rasantem Tempo zum Besten gibt. Zum anderen fordern diese seriellen Tonkonstruktionen den Tänzer über die Maßen heraus. Immer wieder kommt die Frauenfigur auf die Bühne, und er verbandelt sich mit ihr im Pas des Deux. Endlich erscheinen aber die auf uns etwas spröde wirkenden Tanzsuiten in neuem Kontext und eröffnen einen Blick auf Bachs Leben.

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