Nach zwei Stunden in der Kälte auf dem Rathausplatz weiß Oberbürgermeister Matthias Knecht, was gut für Ludwigsburg wäre: Wenn Polizei und Feuerwehr ihre Martinshörner nicht immer so laut stellen würden. Wenn es attraktivere Spielplätze in der Oststadt gebe und einen Zebrastreifen am Westportal. Knecht erfährt das von Ludwigsburgern, die am Samstagvormittag teilweise Schlange stehen, um mit ihrem Oberbürgermeister ganz zwanglos ins Gespräch zu kommen. „Triff den OB“, heißt das Format, das von nun an vierteljährlich auf dem Wochenmarkt stattfinden soll – und von dessen Premiere der OB – parteilos, 44, Turnschuhe – selbst ganz begeistert ist: „Das hat mir riesen Spaß gemacht.“

Die Leute, die an die Stehtische unter dem halbwegs wettergeschützten Dach des Kulturzentrums treten, könnten sagen: „Sie wollen die Parkgebühren erhöhen? Sind Sie von Sinnen?“ Oder: „Ich soll mehr Hundesteuern bezahlen?“ Oder: „Tempo 30 in der Wilhelmstraße? Wo leben Sie denn?“ Aber nichts davon sagen die Leute. Eine Lehrerin der russischen Sprache bedauert, dass der Kontakt mit der Partnerstadt Jevpatorija auf der Krim auf Eis liegt – und deshalb auch die Schüleraustausche. Ein Ehepaar aus Oßweil ist in Sorge wegen eines Sendemastes, der in der Nähe ihres Hauses errichtet werden soll. Eine Dame mit Hut aus der Südstadt befürchtet schlimmen Verkehrslärm, wenn die Wüstenrot-Zentrale in Kornwestheim fertig ist. Ein Herr aus Poppenweiler regt eine bessere Busverbindung zur Stadtbahn nach Remseck an. Eine Dame aus Neckarweihingen möchte, dass durch ihre Straße kein Bus fährt.

Probleme nicht fremd

„Es gibt viele kleine Dinge, die man oft nicht sieht, wenn man im Rathaus ist“, sagt Knecht. Wobei ihm die meisten der Probleme, die die Ludwigsburger vortragen, nicht fremd sind. Es ist ja nicht so, dass die Stadt die Sache mit Jevpatorija nicht auch beschäftigt. Oder die Verkehrsproblematik in der Südstadt. Doch im Gespräch mit der Russisch-Lehrerin entspinnt sich die Idee, zumindest vorübergehend, eine Schule in weniger brisanter Lage für einen Austausch zu suchen. Und für die Südstadt kündigt der OB Blitzer an, die den Verkehr zähmen sollen.

Ihren Gesichtern nach zu urteilen sind alle Besucher an diesem Vormittag zufrieden. Es scheint ein gutes Gefühl zu sein, dass der erste Mann in der Stadt einen Blick für seine Leute hat. Andererseits kann man sich nach dieser Sprechstunde schon auch überlegen: Haben die Leute auch einen Blick für das große Ganze? Trifft jemand den OB, um ihm zu sagen: „Wie soll der ÖPNV attraktiver werden, wenn der Bahnhof jetzt doch keine zweite Unterführung bekommt?“ Oder: „Wo soll das hinführen, wenn Ludwigsburg seine Visionen aufgibt?“ Nein, niemand sagt etwas in dieser Art. Wie ja bis jetzt von nirgendwoher besorgniserregende Klagen zu hören waren.

Stimmen aus der Politik

„Er hat es endlich angepackt“, sagt Margit Liepins, deren SPD-Fraktion Knecht als OB-Kandidat quasi geangelt hat – aber zwischendurch mal skeptisch war, ob er genug Power hat. Liepins meint das Entschlacken der mächtigen Projektliste, die in den vergangenen Jahren immer noch länger geworden war. Reinhardt Weiss, dessen Freie Wähler Knecht im Wahlkampf nicht unterstützt haben, sagt: „Wenn es auf der Linie weiter geht, entspannt sich die Lage sehr.“ Und aus dem Rathaus hat auch noch keiner Reißaus genommen, weil die interessanten Projekte weniger werden. Es ist ja auch nicht so, dass in der Stadt nichts mehr geht. Nur eben nicht mehr alles und nicht mehr alles gleichzeitig (oder eben auch gar nicht). „Das war schon lange notwendig“, sagen Mitarbeiter, die schon lange für die Stadt arbeiten.