Das Beste an ihrem Verein sei der Zusammenhalt. „Wir sind eine große Familie, sagt Sabine Mößner, Vizepräsidentin des Karnevalvereins der Neckartal-Hexen Neckarweihingen. Das sei vereinsübergreifend unter den Hästrägern üblich. Häs, das klassische Gewand des närrischen Brauchtums, ergänzt die Maske zum Fasnets-Outfit. Getragen wird es vom 6. Januar bis Aschermittwoch, der 2020 auf den 26. Februar fällt. „Eigentlich sind wir in dieser Zeit jedes Wochenende unterwegs“, berichtet Matthias Schnautz, der Vereinspräsident.

Mitglieder aus dem ganzen Kreis

Der Verein wurde 1984 in Neckarweihingen gegründet, hat inzwischen aber keinen festen Sitz mehr. Die rund 75 Mitglieder, davon etwa 30 Aktive, kommen aus dem ganzen Landkreis: aus Bietigheim, Löchgau, Kornwestheim, Freiberg. Die Kommunikation läuft ganz modern über die sozialen Medien, man trifft sich in Cafés und Restaurants, um die nächsten Auftritte und Umzüge zu besprechen oder auch zum Üben der Tänze. Die Neckartal-Hexen nehmen nicht nur an Umzügen teil und treiben dort ausgelassenen Schabernack mit den Umstehenden, auch besuchen sie Ordensbälle befreundeter Fasnetsvereine. Der Verein pflegt ebenso die traditionelle schwäbisch-alemannische Fasnet mit Showtänzen. „Eine Kombi aus traditionellen Elementen des Volkstanzes und eigenen Ideen“, erklärt der Präsident, der zeitgleich das Häs des Neckar-Teufels trägt – diese Figur gibt es laut Hexen-Saga (siehe Infobox) nur einmal. Eingebunden werden auch moderne Bewegungen aus Freestyle und Shuffle-Dance. „Wir machen das alles ganz locker, bei uns ist das nicht so streng“, erklärt Schnautz und betont sogleich: „Fasnet ist eine ernste Sache.“

Einerseits bezieht das der Vorsitzende auf den Ruf der Hästräger, der wie er sagt fälschlicherweise lautet, dass viel getrunken werde in der Faschingszeit. „Wer zu viel trinkt, wird vom Umzug ausgeschlossen“, stellt er klar. Auch halte man sich an den Brauchtumskodex, der vom Landesverband Württembergischer Karnevalsvereine Stuttgart vorgegeben werde. Dieser besagt unter anderem, dass die Masken selbst geschnitzt und das Häs selbst genäht werden. Die Teufelsmaske jedoch sowie die etwas edler anmutenden Masken der Kiesranzen-Figur (siehe Infobox), werden von Jogi Weiß, einem Maskenschnitzer aus Oberhof bei Ravensburg, angefertigt. Weiß arbeitete übrigens früher bei der Ravensburger Puppenkiste.

Andererseits haben die Neckartal-Hexen noch eine ernste Seite: Statt der üblichen Gastgeschenke, die auf Brauchtumsabenden zwischen den Vereinen ausgetauscht werden, sammeln die Neckartal-Hexen seit vier Jahren für gute Zwecke. Zwei Jahre wurde für die Kinderkrebshilfe im Rems-Murr-Kreis, „Sonnen-Stunden“, gesammelt, seit zwei Jahren für „Sternenzauber & Frühchenwunder“, die Einschlagdeckchen für Totgeburten und Frühchen herstellen. „Wir haben herumgefragt, ob noch jemand Braut- oder auch Gardekleider spenden will“, so Schautz. Das sei ein voller Erfolg gewesen, bald setze man sich zusammen und nähe daraus Einschlagdeckchen.

So könnten die Fasnets-Kostüme, in denen die Vereinsmitglieder so viel Spaß hatten, auch anderen zumindest eine kleine Freude machen und Trost spenden.

Saga der Neckartal-Hexen


Man schrieb das Jahr anno 1700, als die Neckarweihinger Bevölkerung das Fest der Walpurga am 30. April am Ufer des Neckars feierte. Zu Ehren Walpurgas trugen sie alle selbst geschnitzte Hexenmasken. Jeder hatte seine Freude daran – nur nicht die Herrschaft zu Ludwigsburg, denn das fröhliche Treiben des Pöbels entsprach nicht der Etikette. Kurzerhand wurden Soldaten geschickt, die den Menschen ihre Masken entrissen und diese in den Wald warfen. Einzig die Maske des Urvaters der Neckartal-Hexen – des Neckar-Teufels – übersahen sie. Der erste Versuch, die Masken wiederzufinden, blieb erfolglos, bis Eulen zu Hilfe kamen und beim Suchen halfen. Die Masken jedoch waren alle in fünf Teile zerbrochen. Findig jedoch, banden die Bürger die Einzelteile mit Lederbändern zusammen.

Entsprechend der Saga gibt es die Figuren der Neckartal-Hexen, des Neckar-Teufels und der Eulen seit Gründung des Vereins 1984. Seit 2000 gibt es noch die Figur des Kiesranzens – ein historisch belegter Schimpfname der Neckarweihinger Bürger um 1700 – mithilfe des Stadtarchivs rekonstruiert. Die Neckarweihinger verkauften ihren Kies vom Neckar zum Schlossbau an den Herzog, wodurch sie reich wurden und einen dicken Bauch bekamen durch das Essen und Trinken, das sie sich dann leisten konnten. hevo