Ludwigsburg Schon immer gelebte Inklusion

Bei der Vorstellung des neuen Buchs über die Brenz Band gaben die Musiker ein mitreißenden Konzert im Scala..
Bei der Vorstellung des neuen Buchs über die Brenz Band gaben die Musiker ein mitreißenden Konzert im Scala.. © Foto: Foto. Werner Kuhnle
Ludwigsburg / Von Heike Rommel 03.12.2018

Eine „Brenz Band“, wie sie schon immer war, nämlich ein musikalisches Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen – eben gelebte Inklusion, aus einer Zeit, als es dieses Schlagwort noch nicht gab – erlebte das Publikum am Freitagabend bei einem fulminanten Benefiz-Konzert im Scala. Unter dem Motto „Von Quito in die Cannstatter Kurve“ gab ein Haufen Musiker einen Querschnitt aus seinem weltweit wilden Leben. Die „Brenz Band“ hat fürs nächste Jahr schon wieder so viele Termine, dass sie fast gar nichts mehr annehmen kann.

Lebensfreude seit 40 Jahren

„Wir spielen euch in Grund und Boden:“ So vermittelt die „Brenz Band“ inklusive des integrierten Duos „Dulcimus“, nunmehr seit über 40 Jahren Lebens- und Spielfreude. Die Bandmitglieder sind immer gut drauf und meistens auch zu Späßchen aufgelegt. Jeder gibt sein Bestes und jeder erfreut sich an jedem einzelnen Zuhörer.

Musikalisch hat die Brenz Band viele Facetten. Sie kann einen Jaques Offenbach genauso gut rüber bringen wie lustige, galizische Hochzeitsmärsche Hymnen und Balladen. Und das bei ungewöhnlicher Besetzung: Bandgründer Horst Tögel spielt Dudelsack und Akkordeon, Salvatore Pugliese singt, Bernd Schwab bearbeitet das Schlagwerk, Ralf Dinter gibt auf Klanghölzern den Takt an, Rudi Göttler spielt Kazoo und Trommel, Harald Schmid sitzt am Keyboard, Gitte Dietel beherrscht Akkordeon und Trommel, Jürgen Dietel Akkordeon Dudelsack und Akkordeon, Gerhard Ruhl basst, Marianne Eisele sitzt am Waschbrett und Gertraude Hollstein unterstützt mit der Geige. Sie alle spielten am Freitag für den Förderverein Scala und je nach Spendeneinkommen für Projekte, die sie für unterstützenswert halten.

Exotisch macht sich bei der „Brenz Band“ das „Duo Dulcimus“ aus. Martin Österle spielt Songs amerikanischer Siedler in rauher Country-Manier auf dem Dulcimer, der aussieht wie eine halbe Gitarre und nur vier Saiten hat. Zusammen mit Andy Schubert an der Djembe. Österle hat auch ein Feeling für den Blues, der auf dem Dulcimer daher kommt, wie eine alte Dampfmaschine aus dem Wilden Westen.

Nach einer Improvisattion auf „Streets of London“ (Ralph McTell) holte die „Brenz Band“ die PH-Studentin für Sonderpädagogik, Anna Bayer, auf die Bühne. Sie hat die Band nach Ecuador begleitet und ist seitdem an mehreren Instrumenten mit von der Partie.

Der Band-Fotograf, Reiner Pfisterer bekam beim Benefizkonzert nach 15 Jahren endlich einen sehnlichen Wunsch erfüllt. Und es traf ein, was er befürchtete: „Wenn sie heute Abend ein Lied für mich spielen, und es ist „Bella Ciao“ (altes Partisanenlied), muss ich auf der Bühne weinen.“

„Von Quito in die Cannstatter Kurve:“ Wie das Konzertmotto, so heißt auch das jüngste Buch der „Brenz Band“, entstanden bei einer Konzertreise 2017 nach Ecuador. Ludwigsburgs Oberbürgermeister, Werner Spec, in Sachen Klimaschutz zufällig zur gleichen Zeit in Ecuador, lernte dort die Brenz Band kennen und fand sie so klasse, dass er im Scala mit Akkordeon und Trompete mit einstieg. Noch während der Ecuador-Reise meldete sich Steffen Lindenmaier von VfB. So endete die Reise nicht zwischen den Vulkanen Südamerikas, sondern in der Cannstatter Kurve des Bundeligisten zur Aufnahme der Fan-Hymne „Für immer VfB“ der Gruppe „Die Fraktion“. Welche‘ unbeschreibliche Atmosphäre im Studio herrschte, wurde im Scala gezeigt.

Verständigung durch die Musik

Vor 40 Jahren sah Horst Tögel einen kleinen Jungen am Ludwigsburger Bahnhof sitzen, der ein diatonisches Akkordeon spielte. Geboren in Süditalien mit albanischen Wurzeln. Der Junge kam in seine Klasse in die Schule für geistig Behinderte in der Brenzstraße (daher der Name „Brenz Band“). Der schwäbische Lehrer und sein neuer Schüler konnten sich kaum verständigen, also kaufte sich der Lehrer auch ein Akkordeon und versuchte es mit der Sprache der Musik. Es klappte wieder nichts, bis der Pädagoge und Musiker Tögel feststellte, dass Salva (Salvatore Pugliese), Linkshänder ist und aus seiner Sicht alles verkehrt herum spielt.

So entstand die Brenz Band, 1977 von Horst Tögel gegründet. Damals hätte keiner gedacht, dass die Gruppe eines Tages Konzertreisen nach Frankreich, in die Schweiz, in die Ukraine in den Nahen Osten, nach China und nach Südamerika machen würde. Ihr viel umjubeltes Konzert in Beirut zum Beispiel wurde vom Fernsehen bis in den Irak und nach Syrien übertragen. Damals entstand übrigens der Dokumentarfilm „Brenz Band – Der Wirbelwind im Libanon“ von Sabine Hackenberg. 2007 spielte die „Brenz Band“ auf besonderen Wunsch Horst Köhlers auf dem Sommerfest des Bundespräsidenten. 2011 gab es eine Tournee durch China und parallel dazu entstand die Doku „Brenz Band goes China“ von Sebastian Weimann und Felix Mainhardt. Höhepunkt war die Ecuador-Reise zum 40-jährigen Bestehen der „Brenz Band“ im vergangenen Jahr als ernannte UNESCO-Botschafterin für den Frieden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel