Das Wort „Brückenbauer“ fällt oft im Gespräch mit Jochen Sandig. So sieht der neue Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele sich: „Ich möchte Brücken bauen zwischen Menschen und Künstlern, wo es bisher noch keine Brücken gibt, mithilfe der Kultur“, erklärt er. Er möchte „jeden, aber auch jeden, verführen und überreden, Kultur zu genießen, in ein Konzert, ein Ballett oder ein Theaterstück zu gehen“. Er will sich und auch die Kultur nicht in Schubladen stecken lassen. „Ich werde gerne als  der verrückte Mann gesehen, der schräge Dinge macht, aber da fühle ich mich falsch verstanden“. Er sei auch für kulturelle Traditionen, wie die Schlossfestspiele eine seien.

Kultur für alle Menschen

Der 51-Jährige, der seit 1. Oktober der Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, der Internationalen Festspiele Baden-Württemberg, ist, ist ein begeisterter Kulturmacher, das beweisen die vielen – auch unkonventionellen – Projekte, die er in Berlin realisierte. Jetzt kehrt er zurück in seine schwäbische Heimat, um ein traditionelles Festival zu übernehmen. „Ich mag Traditionen“, sagt er, „ich liebe Barockmusik und Kammerkonzerte“. Aber: „Kultur ist für die Menschen und zwar für die ganze 360-Grad-Gesellschaft“ und darum gehe es ihm, auch in Ludwigsburg. „Ich will inklusive Veranstaltungen, keine exklusiven oder elitären Veranstaltungen, wo sich Leute nicht eingeladen fühlen, Kultur sollte so niederschwellig wie möglich sein, aber mit Inhalt und Relevanz“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass es am Eintrittspreis liegt, sondern dass sich viele Menschen nicht angesprochen fühlen, wenn sie nicht in ein klassisches Konzert gehen, also muss man auch etwas für diese Menschen anbieten“, so Sandig.

Traditionelle Veranstaltungen, wie das Klassik-Openair bleiben, stellt er fest. Genauso wie große Sinfoniekonzerte im Forum. „Auch prunkvolle Konzerte gehören zu einem Festival“, so Sandig. Und bekennt sich eindeutig zum Orchester der Schlossfestspiele. „Festspiele brauchen ein Orchester, wenn es hier noch keines gebe, müsste ich es erfinden“, sagt Jochen Sandig. Er möchte auch, dass die Mitglieder des Orchesters „keine unbekannten Wesen sind“. Sie sollen kammermusikalisch auftreten, so „dass sie zum festen Bestandteil der Festspiele werden“. Erstmal soll es keinen neuen Chefdirigenten geben, sondern Sandig möchte verschiedene Dirigenten zum Stab greifen lassen.  Vor allem Frauen, denn: „Ich möchte versuchen, dass mindestens 50 Prozent aller Veranstaltungen mit Frauen besetzt sind“, sagt er.

Ein weiterer Wunsch: Die Festspiele zu einem Festival mit internationaler Bedeutung zu machen.   Gelingen soll ihm das mit außergewöhnlichen Eigenproduktionen, mit mehr zeitgenössischem Tanz, den der Ehemann von Choreografin Sasha Waltz als die Kunst bezeichnet, „die jeder versteht“. Residenzkünstler soll es geben, die in einer Art offenem Atelier Veranstaltungen und Inhalte kreieren.

An Ideen mangele es ihm nicht, allein, ihm fehlt das Geld. Seit mehr als zehn Jahren haben sich die Zuschüsse von Land und Stadt an die Schlossfestspiele nicht erhöht. „Das Budget ist zu knapp, um allen Ansprüchen gerecht zu werden, aber das ist für mich kein Hindernis“, so Sandig. Trotzdem müsse er bisher noch zu oft Nein sagen. Noch mehr Kooperationen mit anderen Institutionen oder Veranstaltungen will er forcieren. Jochen Sandig beweist im Gespräch eine große Kundigkeit der kulturellen Szene in und um Ludwigsburg und im Land. „Das kann mir helfen, ich bin ein Netzwerker.“

Saison wird kürzer

Der neue Intendant kann nicht verstehen, warum nicht mehr mittelständische Betriebe der Region in die Schlossfestspiele investieren. Sie dazu zu überreden, sei eine seiner wichtigsten Aufgaben, für die Qualität des Programms. Von seinem ersten Programm für 2020 will er noch nicht viel verraten, es wird eine Programmpressekonferenz am 15. November geben, auf der zwölf Veranstaltungen bekannt gegeben werden. Aber: Es sei ja Beethoven-Jahr. Insgesamt 15 Streichquartette von ihm und anderen Komponisten sollen aufgeführt werden, an drei Tagen hintereinander, in verschiedenen Gemächern des Schlosses.

Eine Änderung verrät er aber schon jetzt: Die Saison wird kürzer, es gibt aber nicht weniger Veranstaltungen als bisher. Sie geht vom 7. Mai bis 28. Juni. Die Veranstaltungen werden von Donnerstag bis Sonntag stattfinden, in verdichteter Form, wie Sandig sagt. Einige Veranstaltungen werden auch zweimal angeboten, um „wirtschaftlich zu sein“. Er will eine klare Festivalstruktur schaffen, mit Orientierung für die Besucher, die vermehrt – geht es nach ihm – aus dem ganzen Land kommen sollen. Das Forum und das Schloss sollen zu Festspielhäusern werden, wo sich auch Besucher mit Nichtbesuchern der Festspiele und mit den Künstlern treffen können, eventuell in einer Art Außengastronomie. „Jeder in Ludwigsburg muss merken, hier hat sich während der Festspiele was verändert, hier passiert grade was“.

Sandig sprudelt nur so vor Ideen, muss aber einschränken, dass 2020 nicht schon alles umgesetzt werden kann, „ich will auch schauen, was das Publikum sagt“. Das sei ihm sehr wichtig. „Ich würde am liebsten jedem Besucher die Hand schütteln“. Das werde wohl nicht gehen, versuchen wolle er es aber.

Biografie Jochen Sandig


Jochen Sandig wurde 1968 in Esslingen geboren und wuchs dort auf.1988 ging er nach Berlin, um dort zu studieren, wurde aber dann zum Kulturmanager. Sein Elternhaus ist christlich, aber frei und weltoffen, wie er sagt, geprägt. Seine Eltern engagierten sich in der Friedensbewegung und erzogen den Sohn mit viel Sinn fürs Theater und die Musik.

1989 engagierte sich Sandig in Berlin in der Besetzung des sogenannten Tränenpalasts in der Oranienburger Straße, der dann durch seine Initiative zum Kunsthaus Tacheles wurde und bis heute besteht. 1993 lernte er dort die junge Tänzerin und Choreografin Sasha Waltz kennen, das Paar heiratete und bekam einen Sohn und eine Tochter.

Er gründete mit Sasha Waltz das Tanzensemble Sasha Waltz & Guests, das auch schon mehrmals in Ludwigsburg zu Gast war. Er ist der Geschäftsführer der Kompagnie. 1999 gründete er die Sophiensäle in Berlin als Produktionsstätte für freies Theater und Tanz. 1999 wechselte er mit Waltz an die Schaubühne am Lehniner Platz, wo er bis 2004 künstlerischer Leiter war. 2006 gründete er das Kulturunternehmen Radialsystem V in einem alten Pumpenwerk, wo er bis 2019 Geschäftsführer war. sz