Kreis Ludwigsburg / Carolin Domke

Die Sonne strahlt, sie lockt die Menschen auf die Straßen, Eisdielen öffnen ihre Theken. Rundherum sprießen Krokusse und Schneeglöckchen aus kleinen Grünstreifen hervor, Insekten lockt die Wärme aus ihren Nestern und sie machen sich auf zur Nahrungssuche – und das mitten im Februar. Doch kann das gut gehen?

Auch dieses Jahr macht sich der Klimawandel weiter bemerkbar. Wohingegen im Vorjahr noch im Februar ein Durchschnitt von Minus 0,6 Grad Celsius in Ludwigsburg gemessen wurde, lag der Durchschnitt in diesem Jahr bei 4,6 Grad Celsius. Ein ähnlicher Anstieg ist auch im Monat März zu beobachten. 2018 waren es 4,6 Grad Celsius, aktuell liegt der Durchschnitt bei 8,1 Grad Celsius, wie den privaten Aufzeichnungen einer Wetterstation in Ludwigsburg-Hoheneck zu entnehmen ist.

Wehrlos gegen Feinde

Was anfangs zwar schön klingen mag, hat auf der anderen Seite verheerende Auswirkungen auf die Natur. „Das bringt die biologische Uhr der Tiere durcheinander“, erklärt Tamara Magahed von der Pressestelle der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Was zur Folge hat, dass wechselwarme Tiere wie Insekten und Amphibien früher aus ihrer Winterruhe erwachen und sich, geschwächt von der Pause, aufmachen, Nahrung zu finden. „Friert es danach wieder, kann das die Tiere töten oder wehrlos gegenüber Fressfeinden machen“, so Magahed.

Eine weitere Folge ist das Wachstum von Pilzen, die es ja bekanntlich feucht und warm mögen. Diese können dann zum Beispiel die Winterquartiere von Schmetterlingspuppen befallen. „Schmetterlingsverluste in den letzten Jahren gehen darauf zurück.“ Auch das Pflanzenwachstum stellt ein Hindernis dar. Denn dieser sei weniger von der Temperatur abhängig. Vielmehr wird er durch die Tageslänge bestimmt. Bedeutet: Im Februar ist die Dauer der Sonnenstunden noch viel kürzer, die Pflanzen halten sich noch zurück. Insekten jedoch verlassen ihre Nester zur Überwinterung, finden nun jedoch keine Nahrungsquellen. „Die Tiere verbrauchen Energie und können verhungern“, heißt es aus den Fachabteilungen der LUBW.

Arten aus dem Süden

Wärmeliebende Tiere hingegen profitieren von dem Klimawandel. Arten aus dem Süden, die hier in den letzten Jahren nicht vertreten waren, breiten sich langsam im Landkreis aus und verteilen sich weiter Richtung Norden. Dazu zählt zum Beispiel die violette Holzbiene. Doch auch bei ihnen wird es bei nicht vorhandenem Nektar kritisch. Nicht so beim Borkenkäfer, dessen Larven sich von Pilzen in den Brutgängen ernähren. „Ist es früh warm, können sich Schadinsekten besonders früh fortpflanzen. Diese können anstatt wie gewöhnlich nur zwei, drei nun auch mehr Generationen im Jahr ausbilden“, sagt Magahed, was schließlich zur Massenvermehrung führe. Auch in diesem Jahr rechnen die Förster im Landkreis Ludwigsburg mit einem erhöhten Schädlingsbefall.

Einen Rückgang der Insekten konnte auch Conrad Fink, Artenschutzexperte beim BUND Kreisverband, im Landkreis beobachten. Eine Ursache sieht er vor allem in der Landwirtschaft und den fehlenden Pflanzen wie Wildkräuter, Kamille oder Klatschmohn, der nun nicht mehr am Feldrand wächst. Auch asphaltierte Feldwege bedrohen die Brutstätten. So baut die Wildbiene ihre Nester im Boden, zum Beispiel auf Erdwegen, zu erkennen an kleinen Erdhäufen. Fallen sie dem Asphalt zum Opfer, tut es die Brutstätte der Wildbiene diesem gleich.

Vom kleinsten Insekt bis hin zum Säugetier. „Jeder hat seine Aufgabe, wenn etwas nicht mehr da ist, wird das Ökosystem zerstört“. Durch erneute Kälteeinbrüche droht das Erfrieren, Pflanzen keimen nicht mehr, und Bienen fehlt das Material zum Bestäuben, Schädlinge aus anderen Ländern nehmen zu. „Es ist alles miteinander vernetzt“, sagt Conrad Fink.

Das können Privatleute tun

Gartenbesitzer, so empfiehlt der Artenschutzbeauftragte des BUND aus Freiberg, Conrad Fink, sollten ihre Wiesen vor allem im Frühjahr abschnittsweise mähen und einen Rest im Winter stehen lassen. Vor allem im Frühjahr kann der Nektar bei Blumeninseln mit Gänseblümchen und Veilchen den „Frühaufstehern“ eine Nahrungsquelle bieten.

Insektenhotels seien zwar hilfreich, aber „was nützt es, wenn nichts zu fressen da ist“, sagt Fink. So können im Garten als auch auf dem Balkon Pflanzen gesät und gepflanzt werden, die reichhaltig mit Pollen versehen sind.

Einige Schmetterlingsarten, wie das Tagpfauenauge, überwintern zum Beispiel unter Hausdächern. Hier empfiehlt der Experte einen Weg ins Freie offenzulassen. cd