Anfang Februar hat ein anonymer Wohltäter in Chicago mehrere Dutzend Hotelzimmer für Obdachlose angemietet, damit diese Schutz vor der Kälte finden können. Auch in Berlin und Stuttgart wurden diesen Winter bereits Menschen ohne festen Wohnsitz in Hotelzimmern untergebracht. „Das war schon immer eine Option“, bestätigt auch Heinrich Knodel, der Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe Ludwigsburg. „Wenn wir selbst die Menschen nicht unterbringen können, mieten wir ganz vereinzelt auch Pensionen an“, erklärt der Sozialpädagoge. Im Kreis seien derzeit vier Personen in angemieteten Zimmern unterbracht. Im vergangenen Jahr (Stichtag war der 28. September 2018) wurden fünf Personen in Pensionen einquartiert.

Obdachlose, also diejenigen, die unfreiwillig obdachlos sind, haben nämlich grundsätzlich einen Anspruch darauf, ein Dach über dem Kopf zu haben. Zu dieser Bereitstellung einer Unterbringung sind die Kommunen verpflichtet, notfalls eben auch in Gasthäusern. Im Grundgesetz ist zwar kein Grundrecht auf Wohnen formuliert. Jedoch beeinträchtigen die Folgen von Obdachlosigkeit verschiedene Grundrechte, etwa die Menschenwürde, die körperliche Unversehrtheit sowie die freie Entfaltung der Persönlichkeit.

Grundsätzlich sind es laut Knodel übrigens in der kalten Jahreszeit nicht mehr Obdachlose, die bei der Wohnungslosenhilfe Ludwigsburg einen Unterschlupf suchen. „Manchmal übernachten sogar mehr Leute im Sommer als im Winter bei uns“, sagt der Geschäftsführer. Denn die Gründe, sozial unter die Räder zu kommen und seine Wohnung zu verlieren, seien sehr individuell und hätten nichts mit der Jahreszeit zu tun, daher seien die Fallzahlen im Winter auch nicht steigend.

Im vergangenen Jahr waren es 206 Personen, die die Ludwigsburger Wohnungslosenhilfe betreute. 36 Frauen und 170 Männer. Ohne Unterkunft waren dabei nur sieben Menschen, alle anderen nutzten das Angebot des betreuten Wohnens, konnten in Notunterkünften oder im Idealfall bei Bekannten und Freunden untergebracht werden (siehe Infobox). „Sorgen machen wir uns bei Minusgraden um einzelne Klienten, die draußen schlafen müssen“, gibt Knodel zu Bedenken. Das seien beispielsweise schwer alkoholkranke Menschen, „die bereits überall – auch bei uns – Hausverbot haben.“ Die größte Gefahr bestehe darin, „dass die schwer Alkoholkranken so viel Alkohol im Körper haben, dass sie die Kälte nicht mehr mitbekommen“, sagt Knodel. Einige könnten sich aus psychischen Gründen nicht in geschlossenen Räumen aufhalten und seien deshalb ohne Wohnung. Andere wiederum, lehnen das Zusammenleben mit anderen komplett ab, wollen also auch nicht in einem Doppelzimmer schlafen.

Allgemein, erklärt der Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe, sehe man den Betroffenen die Obdachlosigkeit nicht unbedingt an. Diejenigen, die sich an Bahnhöfen aufhalten, seien nicht unbedingt ohne ein Zuhause, sondern suchen nur Anschluss in der Szene, erklärt Knodel. „Menschen ohne Unterkunft sind oftmals im Stadtbild nicht zu erkennen“, sagt er. Viele achten auf das Äußere, auf saubere Kleidung und ein ordentliches Auftreten. Sie hätten die Kunst, sich unauffällig zu verhalten, perfektioniert. Tagsüber sei das Einkaufszentrum ein guter Ort, um im Warmen zu sein. Nachts seien Vorräume von Banken beliebt. Ebenso Tiefgaragen, Abbruchhäuser, Rohbauten – „eben alles, was einen Schutz gegen den kalten Wind bietet.“

Die Ludwigsburger Tagesstätte in der Friedrichstraße 23 wurde im vergangenen Jahr von 52 Personen aufgesucht. Geöffnet hat sie von 9 bis 14 Uhr. Dort wärmen sich die Nutzer der Wohnungslosenhilfe bei einem heißen Getränk auf – oder einer wärmenden Dusche. „So fällt’s bei uns auf, dass es kalt geworden ist“, sagt Knodel mit einem Augenzwinkern. Dann seien die Duschzeiten deutlich länger und der eine oder andere müsse angehalten werden, die Dusche auch für andere frei zu machen.

Wohnungslosenhilfe: Unterkunftssituation 2018


206 Menschen haben 2018 die Hilfe der Wohnunglosenhilfe Ludwigsburg in Anspruch genommen.

7 von ihnen blieben aus individuellen Gründen ohne Unterkunft.

5 wurden über einen längeren Zeitraum in Krankenhäusern versorgt.

16 kamen in der Notunterkunft unter sowie 15 im Aufnahmehaus.

31 konnten bei Bekannten oder der Familie unterkommen, 14 lebten in Programmen des betreuten Wohnens.

97 Personen wurde Wohnraum vermittelt. hevo