Noch hing der Pulverdampf des Silvesterfeuerwerks in der Luft, noch hatten die städtischen Reinigungskräfte den Schmutz des nächtlichen Böllerns und Schießens nicht beseitigt, da wartete bereits das nächste Spektakel auf unternehmungslustige und ausgehfreudige Ludwigsburger Bürger und Gäste: Von der Nordsee bis nach Wien, von Berlin bis ins Erzgebirge luden Konzerthallen, Kirchen und Kulturzentren zu Neujahrskonzerten ein. Wie könnte man ein Jahr auch besser beginnen als mit einem Konzert?

Aushängeschild der Barockstadt

Das 1958 gegründete Sinfonieorchester Ludwigsburg als Aushängeschild der Barockstadt folgt schon lange dem Brauch, mit einem bunten Reigen schwungvoller Melodien in einem groß angelegten Konzert im Forum am Schlosspark das neue Jahr zu beginnen. Der Andrang schien diesmal besonders groß. An den Kassen, den Garderoben und den Ausgabestellen des kostenfreien Neujahrssekts bildeten sich lange Schlangen. Wie in den zurückliegenden Jahren auch, hatte der Dirigent des gut sechzigköpfigen Klangkörpers, Hermann Dukek, einen Gast eingeladen. Diesmal war es der Blockflötenvirtuose und Komiker Gabor Vosteen, der sich selbst Flötenmann nennt.

Gefällige Melodien

Eingängige, gefällige und weithin bekannte Stücke hatte das Orchester mit seinem Leiter zu diesem Anlass einstudiert. Wie man dies – etwa vom Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Wiener Musikverein – gewohnt ist, waren insbesondere Tänze, Polkas und Märsche darunter. Breit gestreut auch die musikalische Provenienz der zumeist leichten Kost: Österreich, Ungarn Norwegen, Deutschland, Spanien, England und Russland.

Das Konzert erschöpfte sich freilich nicht in einem bloßen Abspulen der Musikstücke. An allen Ecken und Enden ging es – dem Datum entsprechend – sehr lustig zu. Dem Publikum gefiel‘s. Der Dirigent Hermann Dukek, der den Abend launig und eloquent mit allerlei Pointen und humorigen Einlagen moderierte, und das komödiantische Ausnahmetalent Gabor Vosteen brachten das Publikum im voll besetzten Theatersaal schon lange vor der Pause zum Toben. Von Katerstimmung keine Spur.

Auch die Musiker waren bestens aufgelegt und in hervorragender Form. Die Routine zu Teilen des Neujahrsprogramms hatte sich das Orchester bereits in einer Ungarn-Tournee in 2019 erspielt. So klappte auch alles wie am Schnürchen. Mit einer Polka von Johann Strauß Sohn „Hoch lebe Ungarn“ ging es gleich schmissig los. In seiner Begrüßung vermittelte Dukek, der seit 2017 das Orchester leitet, dem Publikum, worum es ihm neben der Erarbeitung des Repertoires noch geht: um die Überwindung von Grenzen jedweder Art. Diesem traditionell wichtigen Anliegen des ambitionierten, semiprofessionellen Apparats dienen die häufigen Konzertreisen und Begegnungen mit Musikern anderer Nationalität, Sprache und Kultur.

Viel Applaus für Brahms

Viel Applaus erhielten Johannes Brahms‘ Ungarische Tänze vier bis sechs. Dann die Strauß-Polka „Im Krapfenwald’l“ mit herzerfrischenden Vogelstimmen-Einlagen des Flötenmannes. Gabor Vosteen, der zu diesem Zeitpunkt längst die Herzen der mehr als eintausend Zuhörer erobert hatte, vermochte in einem Blockflöten-Concerto von Georg Philipp Telemann sein stupendes Können unter Beweis zu stellen. Die bereits im Konzertprogramm beschriebene Kunstfertigkeit Vosteens wurde von der Realität noch übertroffen. Ein ungemein leichtes und duftiges Spiel des komödiantischen Naturtalents.

Mehrere Zugaben, die neben einem haarsträubenden Spiel auf mehreren C-Flöten gleichzeitig, Jonglagen, Körperkomik und auch immer wieder Interaktionen mit dem Publikum beinhalteten, leiteten zu Edvard Griegs Norwegischen Tänzen über. In einem wahren Feuerwerk aus Tönen, Rhythmen und Klängen ging es nach der Pause weiter. Temperamentvolle Tanzsätze und emotionale Weisen von Richard Wagner, Edward Elgar, Manuel de Falla und Aram Chatschaturjan standen ebenso auf dem Programm des zweiten Teils, wie der Radetzky-Marsch von Johann Strauß Vater. Begeisterung im Publikum mit stehenden Ovationen: Nach dem Neujahrskonzert ist gleichzeitig auch vor dem Neujahrskonzert – am 1. Januar 2021.