Der Haussperling behält mit 2972 gezählten Vögeln in 62 Prozent der Gärten Rang eins im Landkreis Ludwigsburg – trotz eines Rückgangs um 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies hat die Auswertung der Nabu-Aktion „Stunde der Wintervögel“ im Januar ergeben.

Auf Platz zwei folgt die Kohlmeise (2840 Zählungen in fast 90 Prozent der Gärten), die stark zulegen konnte (plus 25 Prozent). Platz drei gehört der Blaumeise mit 1500 Zählungen in 75 Prozent der Gärten. Auch sie ist im Aufwind: plus 17 Prozent. Damit sind die ersten drei Plätze im Vergleich zu der Vorjahreszählung unverändert geblieben.

Ein Gewinner der Vogelzählung im Kreis ist auch die Amsel. Bei dieser Vogelart, die in der Vergangenheit immer wieder vom Usutu-Virus geplagt war, vermeldeten die Vogelfreunde einen Zuwachs von 63 Prozent (1144 Zählungen). Die Amsel wurde in 84,6 Prozent der Gärten gezählt und landete auf Platz vier der Rangliste, den zuletzt der Feldsperling innehatte. Dahinter folgt (unverändert) auf Platz fünf die Elster mit 821 gezählten Exemplaren und einem Zuwachs von 14 Prozent.

Die weiteren Vogelarten unter den ersten zehn im Kreis: Feldsperling (minus 19 Prozent, Rang 6), Rabenkrähe (minus 17 Prozent, Rang 7 wie im Vorjahr), Buchfink (minus 15 Prozent, unverändert Rang 8), Rotkehlchen (minus 3 Prozent, Rang 9, Vorjahr: 10) und Ringeltaube (plus 14 Prozent, Rang 10, Vorjahr: 13).

Star als statistischer Ausreißer

Beim Eichelhäher ist das eingetreten, was der Nabu im Vorfeld erwartet hatte: Es gab eine starke Zunahme (plus 90 Prozent), sodass der braune Vogel mit den typischen blauen Schwingen nun Platz elf belegt. Zum Vergleich: 2019 lag er auf Platz 17. Dahinter folgt der Grünfink (minus 23 Prozent, Rang 12), der aktuell mit einem Virus zu kämpfen hat, das laut einer Mitteilung des Nabu Deutschland durch die Sommerfütterung ausgelöst werden soll.

Den mit Abstand stärksten Zuwachs verzeichnete der Star (Rang 17), von dem 246 Vögel registriert wurden. Das ist eine Steigerung von sage und schreibe 5465 Prozent, so die Nabu-Auswertung. 2019 waren nur drei Stare gesichtet worden.

Dr. Stefan Bosch, der Fachbeauftragte für Ornithologie und Vogelschutz im Nabu-Landesverband Baden-Württemberg, will diesen statistischen Ausreißer indes nicht überbewerten. „Hier wurde vermutlich ein Starenschwarm gemeldet, der dann im Prozent-Vergleich zum Vorjahr ein exorbitantes Ergebnis suggeriert“, meint der Vogelexperte. Üblicherweise verließen die hiesigen Stare als so genannte „Teilzieher“ im Winter die Region, um in Südeuropa und Nordafrika zu überwintern. Doch in milden Wintern „bleiben auch viele Stare hier, da sie mangels Frost und Schnee das Winterhalbjahr problemlos überstehen können“.

Generell ist Bosch zufolge bei der Stunde der Wintervögel eine zunehmende Zahl überwinternder Vögel festzustellen, auch wenn der Großteil der Teilzieher noch nach Süden fliege. Das gelte nicht nur für den Star, sondern sei auch bei Heckenbraunelle, Hausrotschwanz, Bachstelze und Zilpzalp zu beobachten. „Obwohl sie Insektenfresser sind und diese Nahrung ja im Winter knapp wird, scheinen sie in den immer milderen Wintern gut durchzukommen“, so Bosch.

Mehr Nilgänse

Auch die Nilgans scheint gut klarzukommen, von ihr wurden im Kreis in diesem Winter 37 Exemplare in den Gärten gesichtet, ein Plus von 152 Prozent (Rang 30). Ebenfalls starke Zuwächse gab beispielsweise bei der Wacholderdrossel (plus 177 Prozent, Rang 24) und beim Gimpel (plus 173 Prozent, Rang 32).

Die letzteren beiden sind sogenannte Wintergäste. „Hier haben wir einen Zuzug von Vögeln aus Nordeuropa, der sich auch in den Gärten bemerkbar macht“, sagt Ornithologe Stefan Bosch. Auch bundesweit mache sich ein stärkerer Einflug der Gimpel (Dompfaff) bemerkbar. „Offenbar hatten die Vögel in ihren Herkunftsgebieten gute Nahrungs- und Fortpflanzungsbedingungen, so dass sie in größerer Zahl bei uns einfliegen.“

Folgen noch nicht absehbar

Insgesamt hat der milde Winter laut dem Vogelexperten weitreichende Auswirkungen auf die Vogelwelt, wie auf die gesamte Natur. So beginne bei den hier gebliebenen Vogelarten die Balz bereits im Januar, sie beginnen früher das Brutgeschäft. Das habe Vor- und Nachteile, so Bosch: Die Vögel erhielten gute Reviere und Brutplätze – zum Nachteil der ziehenden Arten, die später eintreffen –, allerdings sitzen dann Jungvögel im Nest, wenn das Optimum an Nahrungsmenge noch nicht vorhanden ist. Damit sinke der Fortpflanzungserfolg wieder. „Zudem sind Beutegreifer früher aktiv, die die früheren Bruten zerstören können“, sagt Bosch.

Beispiele für die „Entkopplung von Zug-, Fortpflanzungs- und Nahrungszyklen“ seien die Kohlmeisen oder der Trauerschnäpper. Letzterer ist Langstreckenzieher und Streuobstbewohner, er habe in weiten Teilen Europas bis zu 90-prozentige Rückgänge erlitten. „Jedenfalls wirbelt der Klimawandel mit den milden Wintern bislang gut funktionierende, aufeinander abgestimmte Kreisläufe erheblich durcheinander“, stellt der Ornithologe fest. Allerdings: „Wir haben da noch viele Wissenslücken und können die Folgen noch nicht absehen.“

Rekord bei Beteiligung


834 Vogelfreunde haben diesmal bei der „Stunde der Wintervögel“ des Nabu im Kreis Ludwigsburg mitgemacht. Das sind so viel wie nie.

566 Bürger, die eine Stunde lang Vögel gezählt haben, waren es im Vorjahr.

514 Gärten wurden bei der Zählung 2020 inspiziert. Dabei wurden 15 192 Vögel gezählt. um