Schlossfestspiele Musikalische Interpretation nach der momentanen Empfindung

Tenor Simon Bode (rechts) und Pianist Igor Levit lassen sich von ihrem momentanen Gefühl lenken, sodass jede Interpretation etwas Besonderes ist.
Tenor Simon Bode (rechts) und Pianist Igor Levit lassen sich von ihrem momentanen Gefühl lenken, sodass jede Interpretation etwas Besonderes ist. © Foto: Richard Dannenmann
Ludwigsburg / Sandra Bildmann 13.07.2018

Simon Bodes Müller auf Wanderschaft wirkte jung. Mit fast kindlichen Zügen strahlte er zunächst wie ein aus tiefstem Herzen glückliches Kind, das in seiner Unbekümmertheit die Sorgen der Welt nicht kennt. Als der Müller inhaltlich die Mühle erreicht, verlieh Tenor Simon Bode durch eine hohe Atemfrequenz den Mühen der langen Wanderung Gestalt. Die Lieder „Halt!“ und „Danksagung an den Bach“ enden und beginnen mit demselben Vers „War es also gemeint?“. Bodes Körpersprache und Mimik verrieten viel über den inneren Zustand seines Müllers.

Lückenlose Übergänge

Levit und Bode zogen den Liederzyklus ohne große Lücken zwischen den Liedern durch. Sie entspannten zwar zwischendurch ihre Körper, die dramaturgische Spannung aber verloren sie nie. Das Duo präsentierte den Liederzyklus nicht als eine reine Aufeinanderfolge von Liedern, sondern als durchkomponiertes Drama. Der Pianist Igor Levit und Simon Bode kennen sich gut, sind ein eingespieltes Duo und dennoch können sie sich überraschen. Beide haben – eigenen Aussagen nach – konkrete Vorstellungen von Ausdruck und Gestaltung ihrer Musik. Doch interpretieren sie das Werk nach der momentanen Empfindung. Levit gab in den von Schubert komponierten Klaviervorspielen eine Stimmung vor, die Bode aufnahm. Umgekehrt übertrug Levit auf die Tasten, was Bode für seinen Gesang in diesem Moment antizipierte. Musikalisch waren die beiden auf absolutem Top-Niveau.

An vielen Stellen in den 20 Liedern, etwa bei „Allen eine gute Nacht“ in „Am Feierabend“ führten die beiden Musiker vor, was aus einer Phrase gestalterisch herausgeholt werden kann. Beim Duo standen Verse nie leer im Raum. Bode lebte den vielschichtigen Charakter seines Müllers authentisch. Er sprach so eindringlich, dass sich das Publikum manchmal direkt angesprochen fühlen konnte, so, als wäre es die Schöne Müllerin. Man mochte ihm zu Hilfe eilen, ihn trösten. Doch Bodes Wanderer behielt trotz aller Zweifel ein Stückchen Zuversicht. In „Des Müllers Blumen“ kehrte der Bub zurück.

Von Sorgen befreit

Für einen Moment schien der Wanderer seine Sorgen vergessen zu haben. Auch das besitzergreifende „Mein!“ klang bei Levit und Bode zwar mächtig. Doch die Siegesgewissheit von Bodes Wanderer fußte nicht auf der Vorstellung männlicher Unwiderstehlichkeit, sondern klang eher nach einer Kampfansage eines jungen Mannes, der noch etwas grün hinter den Ohren ist.

Apropos grün: Die Farbe der Hoffnung hat für den Wanderer und die schöne Müllerin eine besondere Bedeutung. Doch dann verlässt die Müllerin den Wanderer für einen Jäger. Höhepunkt bei der Aufführung am Mittwochabend im Ordenssaal war „Die liebe Farbe“. Zwar flüchtet sich der Wanderer noch in Beschwichtigungen, die Müllerin wäre weiter an seiner Seite, doch die Couleur verändert sich. Das Depressive in Moll, das dem später komponierten Zyklus „Winterreise“ seinen unverwechselbaren Anstrich verleiht, klang hier unverhohlen an. Wo Grün zunächst den heiteren Wanderer blendete, erklärt er es in „Die böse Farbe“ nun als Sinnbild allen Übels. Und war das Bächlein des Wanderers treuster Begleiter im Leben, so ist es das auch im Tod. Der Wanderer ertränkt sich darin.

„Die Schöne Müllerin“ fand damit ihr Ende, das Konzert ging allerdings noch weiter. Bei den diesjährigen Schlossfestspielen, die unter dem Motto „Ins Ungewisse“ stehen, wurde hin und wieder ein unangekündigtes Werk hintenangestellt. Ohne Pause – so, als wäre es ein weiteres Schubertlied – fügten Levit und Bode „Hochrot“ aus „Das Rot“ von Wolfgang Rihm an.

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