Ludwigsburg / GABRIELE SZCZEGULSKI Das elfköpfige Weltmusik-Ensemble "Scurdia" ließ bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen in der Karlskaserne die Zuschauer johlen und trampeln. Hier wird Multikulturalität zum Mehrgewinn.

Und es geht doch: dass elf Musikerpersönlichkeiten aus sechs Nationen ihre Individualitäten behalten und doch als Multikulti-Ensemble eine Einheit bilden. Das ist das Konzept der österreichischen Truppe "Scurdia". Der Name kommt von den beiden Gründern, dem klassischen Konzertpianisten Markus Schirmer aus Österreich (S) und dem kurdischen Oud-Spieler Risgar Koshnaw (Curdia für Kurde), die sich nach der Flucht von Koshnaw aus dem Irak 1995 auf der Musikhochschule in Graz trafen. Bei einem Kurdenfest wurde die Idee geboren, ein multikulturelles Improvisationsprojekt zu gründen, als Brücke zwischen Okzident und Orient. Sie holten sich Musiker hinzu, die wieder aus ganz anderen Kulturkreisen stammen und ihre musikalischen Einflüsse mitbringen.

Mit Leidenschaft, Freude und Humor demonstrierten die "Scurdianer", wie Integration funktioniert: Markus Schirmer stellte jeden einzelnen Musiker vor und der stellte sich mit Musik aus seiner Kultur vor, die dann in ein scurdianisches Gesamtkunstwerk überging. Da hieß es "Scurdia goes Klezmer" von Klarinettist Richie Winkler aus Österreich. Schön zu hören, wie Koshnaw, der Moslem, mit seiner Oud in ein jüdisches Lied einsteigt. Der Oud-Meister selbst zeigt viel Humor, als er seine Komposition "Kurdischer Cowboy" vorstellt, wo es von Westernmusik nur so knallt - und das alles mit dem Klang der Oud. Koshnaws Nichte, Dilan Koshnaw, kommt zum Soul-Rap-Stück des New Yorker Tubaspielers Jon Sass als Sängerin hinzu. Sie ist Protegé von Xavier Naidoo, seit sie bei der ersten Ausgabe von "The Voice of Germany" mitmachte.

Sizilianer Toti Denaro, der Perkussionist, zeigt dem Ensemble, wie eine richtige italienische Tarantella geht, und als alle Musiker eingreifen, wird sein Lied zu einem ganz eigenen Song. Auch wenn Denaro stimmlich kein zweiter Eros Ramazotti ist, hier zeigt sich, was "Scurdia" will: Nicht die perfekt inszenierte Show und das fehlerfreie Können, sondern das Einbringen vieler Einflüsse. Die Musiker wollen zeigen, dass Multikulti nicht heißt, dass die eine Kultur die andere ausradiert, sondern jede Nation so ein Projekt nur bereichert, in dem nichts verschmilzt, sondern alles multipliziert wird. Multikulturalität als Mehrgewinn.

Das spüren die Zuhörer in der Karlskaserne, die mit offenem Mund und offenen Ohren an den vielen verschiedenen Instrumenten hängen, ständig Zwischenapplaus spenden. Auch die 20 Schüler der Justinus-Kerner-Schule Ludwigsburg, die mit "Scurdia" einen Workshop machten, sind begeistert, klatschen und tanzen mit. Das ist berührende Lebensfreude pur, was "Scurdia" da vermittelt. Es gibt aber auch stille, nachdenkliche Momente, etwa wenn Cellistin Rina Kacinari aus dem Kosovo "Pa Ty" singt - "Ohne dich" - und man nicht weiß, ob sie einen Liebsten meint oder das Land, aus dem sie fliehen musste.

Auch Risgar Koshnaw wird einmal nachdenklich, als er kurz die katastrophalen Ereignisse in seiner kurdischen Heimat anspricht. Doch dann singt der brasilianische Perkussionist Edmundo Carneiro "Mas Que Nada" mit dem kompletten Saal und alles ist wieder gut.

Musiker bei "Scurdia"

Markus Schirmer, Klavier, Österreich

Risgar Koshnaw, Oud, Gesang, Kurdistan

Rusanda Panfili, Violine, Moldawien

Rina Kacinari, Violoncello, Kosovo

Christian Bakanic, Akkordeon, Österreich

Mario Berger, Gitarre, Österreich

Edmundo Carneiro, lateinamerikanische Perkussion, Brasilien

Toti Denaro, mediterrane Perkussion, Italien

Franz Kreimer, Hammnond B3, Österreich

Jon Sass, Tuba, USA

Richie Winkler, Saxofon, Klarinette, Österreich

SWP