Er sei schon das zweite Mal für Steffen Bilger (CDU) in den Ring gestiegen, sagte Bundestagskandidat Norbert Lammert. Das erste Mal war vor vier Jahren. Und er fügt hinzu: „Weil er immer mehr politisches Gewicht bekommt.“ Dass Lammert selbst mit seinen 68 Jahren nicht mehr kandidiere, spiele dabei keine Rolle: „Schließlich war ich fast schon solange im Bundestag, wie Steffen Bilger alt ist.“

Der ist inzwischen 38 Jahre alt und auch schon seit acht Jahren Mitglied des Bundestags. Deshalb will ihm der promovierte Politikwissenschaftler helfen, das Direktmandat im Wahlkreis Ludwigsburg am 24. September erneut zu gewinnen.

Rund 200 Besucher sind am Samstagabend gekommen, um dem prominenten Gast und seinen Schützling unter freiem Himmel am Schüsselesee im Blühenden Barock zu lauschen. Lammert ist ein begnadeter Rhetoriker, wie man weiß, und seine Einschätzung der politischen Lage ist in der Regel frei von jeglicher Polemik. Aber Sorgen macht sich der gebürtige Bochumer schon über die verzwickte politische Lage in Europa.

Zum Beispiel beschäftigt ihn der Ukraine-Konflikt, der seit der Besetzung der Krim durch Russland im Jahre 2014 schwelt. Dabei hatten sich 1990 in der Paris-Charta alle Beteiligten unter Einbeziehung der USA und Russlands in die Hand geschworen, dass die Souveränität der europäischen Staaten und die Grenzen unantastbar seien. „Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas noch einmal geschehen kann,“ klagte Lammert.

Oder die Flüchtlingskrise von 2015, als Menschen Hals über Kopf den Kriegsgräueln zu entkommen suchten – und dabei vorwiegend Europa und Deutschland als sicheren Hafen ansteuerten. Obwohl die Vorlaufzeit extrem kurz gewesen sei, hätten die Behörden und die vielen ehrenamtliche Helfer die „große Herausforderung“ in den Griff bekommen und schließlich 900 000 der insgesamt 1,2 Millionen Flüchtlinge in Deutschland beherbergt. „Aber eine solche Situation kann kein Dauerzustand sein“, sagte Lammert, „und deshalb ist künftig eine große europäische Konzeption nötig“. Dass einige osteuropäische EU-Länder so tun, als gehe sie die Flüchtlingsfrage nichts an, verstehe er nicht. Deshalb habe er polnischen Gästen kürzlich vor Augen geführt, was passiere, wenn der Ukraine-Konflikt eskaliere und Flüchtlinge von dort aus nach Polen fliehen würden: „Dann wird vermutlich eine europäische Lösung gefordert.“

Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU werde uns noch über Jahre hinaus beschäftigen, befürchtet Lammert, denn er hält den Brexit für „eine der gravierendsten Fehlentscheidungen“ mit weitgehenden Konsequenzen. Schließlich bedeute es den Verlust der zweitgrößten Volkswirtschaft.

Unbegreifliche Selbstaufgabe

Sorgen macht sich der Politikprofessor auch über die Entwicklung in der Türkei. Die damalige demokratisch gewählte Regierung habe den Putsch dazu genutzt, gegen die eigene Verfassung zu putschen. „Eine unbegreifliche Selbstaufgabe“, findet Lammert. Vor diesen Hintergründen sei die Bedeutung Deutschlands als Hort der Stabilität und Sicherheit gewachsen. „Lasst uns diese Errungenschaft mit Zähnen und Klauen verteidigen“, rief der Bundestagspräsident. Auch deshalb hält er Bundeskanzlerin Angela Merkel für „einen Glücksfall für Deutschland und Europa, ganz ohne Allüren und bar jeder Kraftmeierei“.