Seit dem Fall der Berliner Mauer sind 30 Jahre vergangen. Dennoch scheinen sich die Glücksgefühle drei Jahrzehnte danach immer noch nicht im Detail beschreiben zu lassen. Die katholische Erwachsenenbildung und die evangelische Friedenskirche hatten in ihrer Veranstaltungsreihe Fridayhour Zeitzeugen eingeladen. Drei Männer im Rentenalter sollten dem Publikum im „Markt 8“, ein Veranstaltungsort der evangelischen Kirche am Ludwigsburger Marktplatz, ihre Erlebnisse, während der entscheidenden Wochen schildern, die den Weg zur Wiedervereinigung freimachten.

Aber so recht gelungen, ist es ihnen nicht. Gemeint sind: Gerhard Jarosch, ein Architekt, der heute in Tübingen lebt, der Theologe Reinhard Kronberg aus Erfurt sowie Werner Kremers, Lehrer und Wessi aus NRW mit guten Ostkontakten. Moderiert wurde das eineinhalbstündige Gespräch von Christoph Wiemann. Der 55-Jährige ist freiberuflicher Bildungsreferent aus Tübingen mit DDR-Wurzeln. Auf seine Frage, wie sie den 9. November 1989 und die Tage danach erlebt haben, kamen Antworten wie „wir waren völlig überrascht“, „es war unglaublich und chaotisch“ oder „ich habe es für ein Märchen gehalten, als es mir berichtet wurde“. Über den Mauerfall sind viele solcher Sätze aus dem Mund von DDR-Bürgern im Fernsehen zu hören und in den Zeitungen zu lesen gewesen. Die Schilderungen der Zeitzeugen im Raum offenbarten wenig Neues.

Die Gefühle von damals lassen sich wohl heute immer noch schwer beschreiben. Sie stecken aber tief in den Menschen. Das zeigte sich in den Momenten, als die Männer aus Dokumenten vorlasen und gegen Tränen ankämpfen mussten. Wessi-Seelen blieben davon unberührt. Den Mauerfall und das Verschwinden der DDR aus der Ferne erlebt zu haben, war definitiv etwas anderes, als hautnah dabei gewesen zu sein. Die Zuhörer sind in der Generation der Zeitzeugen. Nicht wenige im vollen Saal schienen eine DDR-Vergangenheit zu haben.

Befremdliche Regeln

Geschichten aus dem DDR-Alltag mit seinen teils befremdlichen Regeln wurden mit einem Kopfnicken oder Lachen bestätigt. Es reichten Stichworte der Zeitzeugen, um in Vielen Gefühle oder Erinnerungen wachzurufen. Theologe Kronberg hatte seine Gitarre mitgebracht. Als er das Pionierlied „Gute Freunde“ anstimmte, sang gefühlt der halbe Saal mit: „Soldaten sind vorbeimarschiert, im gleichen Schritt und Tritt. Wir Pioniere kennen sie und laufen fröhlich mit. Gute Freunde, gute Freunde, gute Freunde in der Volksarmee.“

Dabei war die Wahl der Referenten durchaus repräsentativ. Architekt Jarosch berichtete, dass er knapp vor dem Mauerbau im August 1961 mit seiner Familie rübergemacht habe. Er sei die treibende Kraft gewesen, weil er den Druck, den DDR-Behörden auf ihn ausgeübt hätten, nicht länger ausgehalten habe. Ein Arbeiter- und Bauernkind gewesen zu sein, sei trotz eines Elitestatus mehr Fluch als Segen gewesen. Vor allem beruflich habe er sich fremdbestimmt gefühlt. Theologe Kronberg hingegen konnte wenig Negatives berichten. „Das Leben war ganz normal“, so seine Erinnerung. Bis in seine Jugend hinein habe er nicht gewusst, „was Sache ist“. Lehrer Kremers stand für die vielen Wessis, die während der gesamten DDR-Jahre und bis heute dort enge Kontakte pflegen. Auch zu Nichtverwandten. Sie waren immer Wanderer zwischen zwei Staaten in einem Land.

Warum die Stimmung in der Bevölkerung östlicher Bundesländern aktuell schlecht ist, wurde nur angedeutet: Nach der Wiedervereinigung seien Fabriken einfach so plattgemacht worden. Die Verbitterung darüber sei bei den damaligen Beschäftigten immer noch zu spüren. Davon komme man nicht los“, so die Einschätzung der Zeitzeugen.