Theatersommer Ludwigsburg, die „Stadt der Träume“

Andreas Klaue und Anja Barth bieten dem Publikum des Theatersommers im Cluss-Garten in „Stadt der Träume“ ein 70-minütiges Theaterstück voller versteckter Anspielungen auf die Stadt Ludwigsburg.
Andreas Klaue und Anja Barth bieten dem Publikum des Theatersommers im Cluss-Garten in „Stadt der Träume“ ein 70-minütiges Theaterstück voller versteckter Anspielungen auf die Stadt Ludwigsburg. © Foto: Werner Kuhnle
Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber 28.06.2018

Es ist still. Der Regisseur Federico Fellini, kuschelig in seine Decke gewickelt, liegt im Bett und schläft. Hinter ihm geht die Sonne auf – nein, es ist der Hinterkopf der rothaarigen Anita (Anja Barth). Anita, eine femme fatale wie sie im Buche steht – oder in Fellinis Filmen zu sehen ist. Rotes langes Haar, dunkel geschminkte Augen, ein enges Kleid aus schwarzem Samt. Sie tänzelt am schlafenden Fellini, gespielt von Andreas Klaue, vorbei. Die Frau seiner Träume oder eher Albträume? Die Beziehung der beiden erschließt sich dem Zuschauer bei der Premiere von Peter Kratz’ Theateraufführung „Stadt der Träume“ am Dienstagabend in den 70 Minuten Spielzeit nicht. Antagonisten, die gegen einander und doch gemeinsam die Handlung voran treiben. Die Handlung, die sich um eine Stadt dreht – um eine Stadt der Träume, um eine Stadt der Tauben. Es verschmelzen die Vorlagen, an denen sich Kratz bedient hat: „Die Taubenstadt“ von Javier Tomeo teilt sich die surrealistische Grundstimmung mit Federico Fellinis „Buch der Träume“. Eine Off-Stimme streut Zitate von Italo Calvinos „Die unsichtbaren Städte“ ein, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen: „Wenn es eine Hölle gibt, ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir jeden Tag leben“.

Beitrag zum Stadtjubiläum

Zwischen diesen fremden Städten, die erschaffen werden, ist da noch eine andere. Eine dem Publikum wohl bekannte Stadt. Tänzelt doch Anita als Schattenfigur hinter einem weißen Tuch, das vor ein Holzgestell gespannt ist. Die Streben des Gestells zeichnen die bekannten Ovale der Bassins im Garten des Ludwigsburger Barockschlosses nach, einen Stadtplan der Innenstadt. Fellini spricht von einem Marktplatz, auf dem sich ein Brunnen ohne Wasser befindet – auf dem Bildschirm, dem „Fenster“ über seinem Kopf, sind zwei markante Kirchtürme zu erkennen. Seinen Mantel, so erzählt er, schmeißt er über die Statue des Herzog Eberhard. Die Stadt ist Ludwigsburg, das Stück Kratz’ Beitrag zum Stadtjubiläum. Nun macht auch das goldene Gestell des Bettes Sinn, royal bekrönt mit einem Kopfteil, das mit rotem Samt bezogen ist. Wahrlich das Bett eines Herrschers.

Und das ist er. Federico Fellini, der Regisseur, führt Regie in seinem eigenen Leben. Einerseits schreibt er Regieanweisungen in sein Buch, andererseits kommt Text aus dem Off, den er wiederholt, parallel spricht und mit flotter Zunge überholt. Anita gehorcht ihm manchmal, hält sich an seine Regieanweisungen, schlüpft in verschiedene Rollen, verstellt ihre Stimme, wird zu einer völlig anderen Figur. Auf der anderen Seite kritisiert sie den Künstler. Seine Erzählung sei langweilig, „eine Tristesse, diese Geschichte“. Au con­t­raire, möchte man sie korrigieren. Mit Witz und überzeugender Mimik agieren die beiden Akteure. Geschmeidig bewegen sie sich durch ihr Meer von Requisiten.

Einsatz von Requisiten

Mag man bei Kratz’ Inszenierung des „Faust“ noch gemault haben, die Bühne sei voll mit Gegenständen, die zwar bedeutungsschwanger, aber wenig bis gar nicht in Benutzung waren, ist es bei der „Stadt der Träume“ ganz anders. Viel liegt da rum, aber wird auch geschickt in die Handlung verwoben: Hüte, Mäntel, Springbrunnen, Boccia-Kugeln, die mit einem lauten Knall auf den Holzboden krachen. Anita, die zu Beginn zwischen den Streben des Ludwigsburg-Grundrisses wie eine Spinne ihre Fäden spannt – graue, blaue, rote Fäden, die zwischenmenschliche Beziehungen darstellen, wie sie sagt – verwandelt sich zunehmend in eine Taube, ja eine ganze Schar von Tauben, die dem verlassenen Regisseur auf die Pelle rücken. Anita führt wilde Tauben-Tänze auf, gurrt, der Kopf schnallt vor und zurück. Und auch die Stadt Ludwigsburg setzt ein, synchronisiert sich mit dem Geschehen auf der Bühne des Theatersommers: Die Vögel im Cluss-Garten zwitschern, unterstützen die gurrende Anita lautstark. Am Schluss taucht sie wieder hinter Fellini ab, seine Filmdiva versinkt wieder, und er schläft. Doch alles nur ein Traum? Ein detailverliebtes Stück voller Poesie, düster, nachdenklich, tragisch, aber auch komisch und auf ganzer Linie unterhaltsam. Alleine Ornitophobiker sollten sich von dem Stück lieber fernhalten, denn die Tauben sind omnipräsent.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel