Ludwigsburg Krebsdiagnose durch Videokonferenz

Molekulares Tumorboard am Klinikum Ludwigsburg. Von links: Die Professoren Jörg Martin, Karel Caca und Wolfgang Heyl, sowie Dr. Matthias Ulmer. In der Videokonferenz mit der Fachärztin für Humangenetik Dr. Dr. Saskia Biskup (Bildschirm auf der Leinwand).
Molekulares Tumorboard am Klinikum Ludwigsburg. Von links: Die Professoren Jörg Martin, Karel Caca und Wolfgang Heyl, sowie Dr. Matthias Ulmer. In der Videokonferenz mit der Fachärztin für Humangenetik Dr. Dr. Saskia Biskup (Bildschirm auf der Leinwand). © Foto: Martin Kalb
Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber 09.10.2018

Beim Patienten X, männlich, mittleren Alters, in guter körperlicher Verfassung, wird ein Magen-Karzinom diagnostiziert. Der Patient springt gut auf die Chemotherapie an. Plötzlich aber geht es ihm wieder schlechter. Es wird eine erweiterte Diagnose durchgeführt, wobei sich herausstellt, dass nicht alle Mutationen auf dem gängigen Weg der Krebstherapie behandelt werden konnten, und die Tumorzellen weiter wachsen. Die statistisch prognostizierte Lebensdauer des Mannes betrug 12,4 Monate. Tatsächlich lebte Patient X noch fünf Jahre, nachdem seine Krebserkrankung festgestellt wurde. Das lebensverlängernde Medikament für seinen Magenkrebs war Palbociclib, ein Medikament zur Behandlung bestimmter Formen von Brustkrebs. Klingt nach einem Glücksfall?

Krebstherapie wird verbessert

Die Krebstherapie im Kreis hat seit einigen Jahren einen großen Sprung nach vorne gemacht. „2017 konnte in unserer Abteilung bei zwölf Fällen auf diese Art und Weise geholfen werden“, sagt Dr. Matthias Ulmer, Ärztlicher Leiter der Sektion Hämato-Onkologie der Regionalen Kliniken Holding (RKH) Ludwigsburg-Bietigheim. Ulmer ist Teil des Ärzteteams, das mit einem sogenannten humangenetischen Tumorboard arbeitet. Tumorboards sind interdisziplinäre Treffen, bei denen Fachärzte aus den in der Diagnostik und Behandlung von Krebspatienten eingebundenen Fachdisziplinen zusammenkommen, und über eine auf den jeweiligen Patienten individuell zugeschnittene Behandlung diskutieren. Basis dafür ist die Krankengeschichte sowie die erhobenen Befunde. Solche Tumorboards finden im RKH Klinikum Ludwigsburg schon seit einigen Jahren statt. Neu ist aber das molekulare Tumorboard, das am Montag zum ersten Mal in den RKH Klinik Ludwigsburg durchgeführt wurde. Beteiligt waren Prof. Dr. Jörg Martin, der RKH-Geschäftsführer, Prof. Dr. Karel Caca, Ärztlicher Direktor unterschiedlicher Kliniken beispielsweise für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hämato-Onkologie, Prof. Dr. Wolfgang Heyl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie Dr. Matthias Ulmer, Ärztlicher Leiter der Sektion Hämato-Onkologie. Zusätzlich zu den Experten der verschiedenen Fachdisziplinen der RKH Kliniken wird Dr. Dr. Saskia Biskup aus dem CeGaT-Institut für Humangenetik Tübingen per Videokonferenz zugeschaltet. Indem die Humangenetik als Disziplin integriert wird, kann eine gezielte Krebstherapie durchgeführt werden, da die Tumorzellen genauer untersucht werden und das kranke Gen bestimmt werden kann. Im Beispielfall hat das Magenkarzinom ausgesehen wie ein Brustkrebskarzinom. Das kommt selten vor, aber in diesem Fall wurde es entdeckt und das Leben des Patienten konnte so verlängert werden. In Einzelfällen kann der Krebspatient auch an Studien vermittelt werden, die neuartige Medikamente einsetzen.

Die Experten haben am Montag nach der Pressekonferenz hinter verschlossener Tür fünf Fälle von Krebspatienten besprochen, für die keine wirksame Standardtherapie mehr möglich ist. Die RKH sei eines der ersten kommunalen Großkrankenhäuser Baden-Württembergs, das diese neue Art der Diagnostik vorantreibt, sagt RKH-Geschäftsführer Martin. Die Universitätskliniken Tübingen und Heidelberg arbeiten bereits damit und sind im Begriff die Kliniken in Freiburg und Ulm zu vernetzen, bestätigt Biskup. Ihr sei es wichtig, das Tumorboard in der RKH zum Laufen zu bekommen, da die Medizin sich zunehmend in Richtung individualisierte Medizin entwickle. Der rasante Wirtschaftsfortschritt sei durch den interdisziplinären Austausch besser nutzbar und die Kommunikation auf dem kurzen Weg wiederum sei im Sinne des Patienten. „Es werden Patienten aus der ganzen Holding behandelt. Im molekularen Tumorboard wird gemeinschaftlich die bestmögliche Entscheidung getroffen und dann kann der Patient lokal behandelt werden und muss nicht zu den Experten fahren“, sagt Martin. Laut der RKH bedeute dies für die Bevölkerung des Landkreises Ludwigsburg eine wichtige Weiterentwicklung in der Diagnostik und Therapie von Tumoren.

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