Der Isländer Helgi Jonsson erfreute sich am Dienstagabend an den „schönen Räumen“ des Scala Ludwigsburg. Überraschenderweise hatte er seine Frau, die Dänin Tina Dico, mitgebracht, um gemeinsam mit ihr geschriebene Songs im Duett zu präsentieren. Im zweiten Set gab es dann das, was das Publikum mit stehenden Ovationen honorierte: Titel aus dem Album „Intelligentle“, dem Soloprojekt Jonssons, der zu den besten isländischen Popmusikern gehört.

Zurück lehnen, genießen und sich tragen lassen von der freiheitsliebenden Mentalität und der rauen Natur im äußersten Norden Europas: Das Scala-Publikum ließ sich mitnehmen in den Feel-Good-Folk-Pop des Isländers mit der eingängigen Stimme, der in Graz Musik studiert hat. Es erlebte ihn auch als begnadeten Pianisten und Posaunisten. Bei den Songs, in denen die Berge und das Meer eine Rolle spielten, konnten sich die Zuhörer vorstellen, wie Helgi Jonsson zu Hause an seinem in Österreich erworbenen Steinway-Klavier sitzt, und sich experimentierfreudig vom Ausblick aus seinem Panorama-Fenster beim Komponieren inspirieren lässt. Den ersten Schnee in Ludwigsburg kündigte er fürs Wochenende auf den Tasten an, indem er die Töne wie Schneeflocken tanzen ließ.

Tina Dico erwies sich als versierte Gesangspartnerin, Perkussionistin und Bassistin. Sie verfügt über dieselbe Stimmlage wie ihr Partner, setzt dessen Gesang als Zweitstimme aber auch reizvolle Kontraste entgegen.

Im ersten Set geizten Jonsson und Dico nicht mit Anekdoten aus ihrem Privatleben und erzählten als Singer-/Songwriter-Paar, wie aus einer simplen Notiz unter der Tür eines Hotelzimmers ein Lied über so ein banales Thema wie „The Melting Point of Salt“ (Siedepunkt des Salzes) entsteht. „Wenn er Musik braucht, ruft er Tina an“, erzählte Helgi Jonsson von einem dänischen Filmregisseur als Auftraggeber seiner Frau Tina Dico.

Stimme im Schwebezustand

Der 40-Jährige erinnert musikalisch gerne an den Theaterdirektor Falk Richter, mit dem er während seines Studiums zusammen gearbeitet hat. Falk Richter zeichnet verantwortlich für Helgi Jonssons „Song written for the Staatsoper Berlin“, für den der Isländer mit „drei Opernsängern, einem Kinderchor, verschiedenen Tieren und Flammen werfenden Menschen“ agierte. Der Titel, in welchem die Gesangsstimmen sozusagen im Schwebezustand ineinandergreifen, heißt „Trouble is“.

Im Duo besang das Paar seine Liebe und beschrieb die „Careful People“ Dänemarks, aus der Heimat von Tina Dico. Surreal und in weiten emotionalen Klangwelten bewegte sich Helgi Jonsson solo bei „Hundred Miles“ durch die ruhigen, kargen Landschaften Islands.

Protest-Song

Die Technik des Synthesizers nutzte er beim futuristischen Titelsong seines Albums „Intelligentle“ für die Simulation des menschlichen Gehirns am Computer und bezeichnete ihn als „ersten upgeloadeten Song, der zeigt, dass Fehler Menschen menschlich machen“. In einer lustigen Art und Weise kann sich Jonsson mit Partnerin über die Brexit- und Donald-Trump-Kampagnen aufregen. Musikalisch setzt der Musiker das bei „Crossroads“, einer Art Protest-Song, durch oktavübergreifende Tonsprünge als Sänger sowie flotte Tempi und fetzigem Rhythmus um.

Starke Töne über dumpfen Schlägen kamen aus „Lofa Mér“, einem atmosphärischen Wehgesang mit fast bedrohlichem Anschlag auf dem Klavier. „Lofa Mér“ schrie geradezu nach Zugabe. So kamen die Zuhörer in den Genuss eines Helgi Jonsson, der stimmlich eine E-Gitarre imitieren kann. Im Übrigen war es für Helgi Jonsson und Tina Dico ein Privileg, im Scala spielen zu dürfen: „Thank you from the Bottom of our Hearts for this wonderful Evening“, richteten sie das Wort noch einmal ans Publikum.