Theatersommer Klassiker zerlegt und neu zusammengesetzt

Peter Kratz in dem Bühnenbild im Clussgarten, in dem er „Faust – Mein Brustkorb: Mein Helm“ inszeniert.
Peter Kratz in dem Bühnenbild im Clussgarten, in dem er „Faust – Mein Brustkorb: Mein Helm“ inszeniert. © Foto: Martin Kalb
Gabriele Szczegulski 11.06.2018

Faust“ als Abistoff 2019: Ein gefundenes Fressen für Peter Kratz, Geschäftsführer und Intendant des Ludwigsburger Sommertheaters im Clussgarten, mit diesem Stück die Saison 2018 zu eröffnen, die drei neue Inszenierungen, eine Wiederaufnahme und zwei Kinderstücke präsentiert. Doch es sollte keine der zahlreichen Aufführungen im klassischen Stil werden. Kratz entschied sich für das Stück „Faust – Mein Brustkorb: Mein Helm“ des 1994 verstorbenen Enfant terrible des deutschsprachigen Theaters, Werner Schwab. Im Potsdamer Wellblechtheater wurde das Stück mit der Band Einstürzende Neubauten nach seinem Tod uraufgeführt und später in Schwabs Heimat Graz mehrmals in Szene gesetzt.

Und nun kommt das kontroverse Stück, das Goethes Faust auseinandernimmt und neu zusammensetzt, ins Clusstheater. „Es ist ein Risiko, dieses Stück aufzuführen“, sagt Peter Kratz, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feierte, aber lange noch nicht ans Aufhören denkt.

Wortschöpfungen

Schwab dachte sich eine völlig neue Bildersprache unter Verwendung von Wortschöpfungen aus. Zwar ist die Grundhandlung noch dieselbe, doch Schwab – und auch Kratz – konzentrieren sich auf die essenziellen Elemente. Die Personen wurden auf vier reduziert, der in Ludwigsburg bekannte Andreas Klaue spielt den Faust. Provokant ist die Fassung und geht auch mal ins Reich der Fäkalien. Da die Fassung voraussetzt, das der Faust-Stoff allgemein bekannt ist, hat sich Peter Kratz in seiner Inszenierung mehrerer dramaturgischer Kniffe bedient, wie einem von ihm komponierten Chorgesang, einer wandelbaren Bühne mit Kabinett, „wie ein Kasperletheater“. „Das Stück ist gewöhnungsbedürftig, aber hat man sich daran gewöhnt, zeigen sich der Sprachwitz und die abgründigen  Metaphern“, sagt Kratz.

Keine Kitschoperette

Die zweite Premiere der neuen Spielzeit ist ein totaler Gegensatz zu dem tiefgründigen Klassiker: „Im weißen Rössl“, aber nicht am Wolfgang-, sondern am Ludwigsee. Der Aufführung liegt nicht die Filmfassung sondern das Ur-Stück des Berliner Autors  Oscar Blumenthal zugrunde.

Aber Peter Kratz wäre nicht so erfolgreich mit seinen Inszenierungen, hätte er nicht auch das „Weiße Rössl“ umkonzipiert und modernisiert: Die Grundhandlung blieb zwar erhalten, aber in dieser Fassung werden die Männerrollen von Frauen gespielt und umgekehrt. Außerdem wurden die Lieder wie „Im weißen Rößl am Wolfgangsee“ oder „Im Salzkammergut, da ka’ mer gut lustig sein“ gelöscht.

Kratz verwendet Schlager aus den 1970er-Jahren, wie „Du gehörtst zu mir“ und macht so eine Schlagerrevue aus dem Stoff. Zudem spielt das Stück nicht am Wolfgangsee, sondern am ehemaligen Feuersee von Ludwigsburg, der zu Residenzzeiten als Wasserspeicher verwendet wurde, dem Ludwigsee.

Kindertheater im Clussgarten

Zum ersten Mal inszeniert Christine Wolff im Clussgarten zwei Kindertheaterstücke und das mit – auch zum ersten Mal in der 29-jährigen Geschichte des Sommertheaters – einem eigenen Ensemble.  Denn das Kindertheater ist ein sehr erfolgreicher Bereich des Sommertheaters mit 3500 Besuchern in den Schulvorstellungen und nochmals genauso vielen in den Wochenendaufführungen.

Am Samstag, 16. Juni, hat „Kalle Blomquist“ von Astrid Lindgren Premiere. Das zweite Stück ist „Urmel aus dem Eis“ von Max Kruse, das ab 5. August gespiellt wird.

Außer „Faust“ (Premiere am Mittwoch, 13. Juni, 20 Uhr)  und „Im weißen Rössl“ (Mittwoch, 1. August) gibt es auf der Rondellbühne mit 90 Zuschauerplätzen das Stück „Stadt der Träume“ ab 26. Juni, ein Stück, das Ludwigsburg im Rahmen von 300 Jahre Stadt fördert. Außerdem inszeniert Christine Wolff noch einmal „Die Wand“ ab 24. Juni.

Wegen der vielen gleichzeitigen Veranstaltungen in Ludwigsburg und der Fußball-Weltmeisterschaft beginnen einzelne Aufführungen schon um 19 Uhr. Informationen und Karten gibt es online.

Der Theatersommer im Clussgarten hatte 2017 15 600 Besucher in 115 Vorstellungen. Der Etat setzt sich aus 111 000 Euro Zuschuss der Stadt, 25 000 Euro der Stiftung Kunst und Kultur und 45 000 Euro vom Land zusammen. Fürs Schultheater gibt es 15 000 Euro Förderung. 40 Prozent der Kosten kommen von den Zuschüssen, die restlichen 60 Prozent in Höhe von 200 000 Euro muss das Theater selbst erwirtschaften.

www.theatersommer.net

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