Ludwigsburg / Sandra Bildmann

Wer sich ein bisschen in der abendländischen Musikgeschichte auskennt, wird, wenn der Name Claudio Monteverdi fällt, zunächst an die Geburtsstunde der Oper denken. Sein „L’Orfeo“ wird im Allgemeinen als die erste Oper angesehen. Berühmt wurde der Komponist auch für seine geistliche Marienvesper. Das Vokalfach war Monteverdis Steckenpferd.

Beim Gastspiel des Collegium Vocale Gent unter seinem musikalischen Leiter Philippe Herreweghe bei den Schlossfestspielen ging es aber weder um Oper noch um sakrale Musik. Jeweils sechs Sänger sowie Instrumentalisten führten am Samstagabend in wechselnder Besetzung 14 weltliche Vokalkompositionen, darunter zwölf aus den Madrigalbüchern, auf.

Kirche dient eher akustisch

Bei den Stücken, die überwiegend von – zuweilen unerfüllter – Liebe handeln, diente die Ludwigsburger Stadtkirche eher akustisch denn spirituell.

Den Klängen, stets fein ausbalanciert, blieb dennoch Raum für ausdrucksstarke Gestaltung. Die Solisten des Collegium Vocale Gent harmonierten stimmlich hervorragend – unabhängig von der Besetzung, denn meistens sangen nicht alle Solisten gleichzeitig. Dass keiner aus dem Gesamtklang unerwünscht herausstach, war zuvorderst natürlich der Qualität der Sänger zu verdanken. Geschickt aber verwoben sich beispielsweise die beiden Tenöre. Guy Cutting mit seinem warmen, für eine hohe Männerstimme recht dunklen Timbre, übernahm hierbei die Oberstimme, während Tore Denys mit seiner helleren Klangfarbe die zweite Tenorstimme sang.

Auch die beiden Soprane, Monica Piccinini und Kristen Witmer mischten sich erstaunlich homogen und hinterließen zudem solistisch einen hervorragenden Eindruck. Benedict Hymas mit seinem satten Stimmklang, der dem Timbre eines Tenors ähnlicher war als dem eines Countertenors, erschien für diese Musik geradezu eine Idealbesetzung der Alt-Partie. Bassist Wolf Matthias Friedrich suchte regelmäßig Blickkontakt zum Publikum und schien sich in seiner Rolle als stabiles Fundament wohlzufühlen.

Zu den Glanzmomenten des Konzerts zählten exemplarisch die wunderschön gestalteten parallel geführten Koloraturen von Hymas und Cutting in „Qui rise, o Torsi“ aus dem sechsten Madrigalbuch oder das Trio der Männerstimmen als Gegenspieler zu Kristen Witmer, die der Leidenden im „Lamento della Ninfa“ mit weicher Stimme Gestalt gab. In diesem Madrigal ließ sich die allmählich salonfähig werdende Emotionalität in Vokalwerken gut nachvollziehen. Denn in der Motette – dem geistlichen Pendent zum Madrigal – galt noch im 17. Jahrhundert ein rigoroses Verbot, Gefühle auszudrücken.

Unterschiedliche Gefühlswelten

Wie nah unterschiedliche Gefühlswelten beieinander liegen und wie diese auch zum Ausdruck gebracht werden können, zeigte sich nochmals zum Abschluss des Konzerts, als alle Beteiligten erneut gemeinsam musizierten. „Hor che ‘l ciel e la terra“ stand sinnbildlich wie eine Zusammenfassung für alles Vorhergehende. Es stammt aus Monteverdis achtem und vorletztem Madrigalbuch.

Die Kompositionen gelten als Paradebeispiele für die Vollendung der Madrigal-Gattung. Inhaltlich stand ein Thema im Zentrum, das auch in heutiger Zeit – rund 650 Jahre nach Entstehung der Textgrundlage – aktueller denn je ist. Zwei Zeilen Petrarcas können übersetzt werden mit: „Krieg ist mein Zustand, voll Zorn und Schmerz; und nur, wenn ich an sie denke, habe ich etwas Frieden.“ Wie reich Monteverdis Musik dazu ist, konnte der Zuhörer am Samstagabend allein daran erkennen, dass dieses Madrigal bei seiner Wiederholung als Zugabe ganz anders, aber genauso berührend klang wie zuvor. Das Publikum in der voll besetzten Stadtkirche applaudierte geschlossen im Stehen.

Info Das Konzert von Philippe Herreweghe und dem Collegium Vocale Gent, das im Rahmen der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele in der Stadtkirche stattfand, wurde aufgezeichnet und wird am 10. Juni ab 20.03 Uhr auf SWR2 gesendet.