KSK-Music-Open Joan Baez singt im ausverkauften Schlosshof

Joan Baez bei den KSK-Music-Open im Ludwigsburger Schlossinnenhof.
Joan Baez bei den KSK-Music-Open im Ludwigsburger Schlossinnenhof. © Foto: Werner Kuhnle
Ludwigsburg / Bettina Nowakowski 02.08.2018

Die brütende Hitze konnte niemanden abhalten: Seit Monaten war der Auftritt von Joan Baez im Rahmen ihrer „Fare Thee Well Tour 2018“ beim KSK-Music-Open im Innenhof des Ludwigsburger Schlosses ausverkauft. Am Dienstagabend kamen alle, um eine leibhaftige Legende zu sehen. Denn das ist die Grande Dame der amerikanischen Folkmusik, die Bürgerrechtlerin, Pazifistin und Protestsängerin Joan Baez auch mit ihren 77 Jahren immer noch auf höchst beeindruckende Art und Weise.

Mag der Begriff auch überstrapaziert sein, keine andere Künstlerin verkörpert die Verbindung von Musik und Protest, den Einsatz für Gerechtigkeit und Toleranz so glaubwürdig und authentisch wie Joan Baez. „Wir kommen im Andenken einer Zeit, wo Menschlichkeit und Solidarität noch Themen waren“, so ein älteres Ehepaar aus der Nähe von Metzingen. „Joan Baez vertritt immer noch gewisse Ideale, die es heute so leider nicht mehr gibt.“

Mit einem „Wunderbar“ begrüßte Joan Baez ihr Publikum. Was dann in den fast zwei Stunden passierte, die Joan Baez stehend und ohne Pause auf der Bühne absolvierte, war schlichtweg magisch. Es war nicht nur eine Zeitreise durch die berühmten Protestsongs, die einmal eine ganze Generation in ihrem Kampf um Gleichberechtigung und Humanität geprägt haben. Joan Baez interpretierte die unsterblichen Folksongs von Bob Dylan, Woody Guthrie und anderen bekannten Songwritern ebenso wie die eigenen Songs von ihrem neuen Album „Whistle Down The Wind“ mit einem Charisma, dem jedes Pathos abging und umso mehr berührte.

Schon mit dem Eröffnungssong „Don’t Think Twice, It’s Alright“ von Bob Dylan überraschte die große Sängerin. Die Stimme ist tiefer und voller geworden. Der einstige glasklare Sopran, Markenzeichen von Joan Baez, ist einer warmen Alt-Stimme gewichen, deren Timbre die Aussagekraft der Songs noch eindringlicher unterstreicht. Mit Dirk Powell (Gitarren und Klavier), ihrem Sohn Gabriel „Gabe“ Harris (Percussion) sowie der jungen Sängerin Grace Stumberg begrüßte Joan Baez ihre „Big Band“ als Unterstützung. Trotz schweißtreibender Hitze gab es Gänsehautmomente: „It’s All Over Now, Baby Blue“ von Bob Dylan ließ Joan Baez’ Stimme sogar wieder in die Höhen früherer Interpretationen schwingen, begleitet vom Publikumschor. Einer der schönsten Eigenkompositionen der Sängerin durfte auch nicht fehlen: „Diamonds And Rust“ ist ihre ganz persönliche Verarbeitung der Beziehung zu Bob Dylan. Doch Joan Baez wäre nicht Joan Baez, wenn sie nicht auch politisch was zu sagen hätte. „Deportee“ von Woody Guthrie über die missglückte Deportation mexikanischer Gastarbeiter ist im politischen Amerika von heute so aktuell wie bedrückend. Mit „The President Sang Amazing Grace“ wird auf Barack Obamas Gospelgesang in der Kirche von Charleston 2015 anlässlich des Amoklaufs angespielt, und die Betonung der letzten Liedzeile mit „My President…“ war unverkennbar ein Statement der großen Künstlerin in ihrer Einstellung zum heutigen Präsidenten. Auf Deutsch sang Joan Baez „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius. „Gracias a La Vida“ beendete den offiziellen Teil, aber längst noch nicht das Konzert. Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Stühlen: stehende Ovationen während der 20-minütigen Zugabe von fünf weiteren Songs.

„Sag‘ mir, wo die Blumen sind“ und „Imagine“ wurden zu Hymnen aller mitsingenden Zuschauer und vermittelten eine Ahnung davon, wie viel Kraft und Intensität von einer gemeinsamen Stärke ausgehen kann. An diese Kraft hat Joan Baez immer geglaubt, dafür hat sie seit fast sechs Jahrzehnten immer gekämpft und gesungen. Glücklich, wer sie an diesem Abend dabei live erleben durfte. Farewell, Joan Baez.

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