In einer Nacht-und-Nebel-Aktion flieht die 21-Jährige Manuela K. vor dem gewalttätigen Partner, mit nichts als einer Tasche über der Schulter und dem zweijährigen Sohn im Arm ­ – aber wohin kann sie gehen, wo kommt sie unter? Wohnraum ist knapp, insbesondere wenn es schnell gehen muss, stehen die Chancen, etwas Passendes zu finden, schlecht. Gerade Alleinerziehende oder Schwangere haben es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer.

Thomas Asendorf berichtet im Gespräch mit der BZ, dass er mit seiner Kollegin Stefanie Hecht-Weber, mit der er gemeinsam die Stiftung Invitare leitet, beisammen saß und  über Lösungsmöglichkeiten nachdachten, wie alleinerziehenden Müttern oder auch Vätern in Krisensituationen kurzfristig geholfen werden könnte. „Beim Brainstorming ist uns aufgefallen, dass die Lösung eine Etage tiefer liegt“, sagt Asendorf. Das Vorhaben des Stiftungsvorstands: das erste Obergeschoss von Invitare in der Mörikestraße 118 in Ludwigsburg, das bislang für Lager- und Verwaltungszwecke genutzt wurde, zu einer 123 Quadratmeter großen Wohnung auszubauen, die vorübergehend von wohnungssuchenden Schwangeren oder Alleinerziehenden mit Kind bezogen werden kann, bis eine bezahlbare Wohnung gefunden wird.

Die Planungskosten für die Invitare-WG belaufen sich auf 52 000 Euro. Die Finanzierung soll dabei zu 80 Prozent über das zinslose Landesförderprogramm Wohnungsbau BW erfolgen, mit einer Laufzeit von 25 Jahre. Die Mieten sollen 33 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Die restlichen 20 Prozent (10 500 Euro) möchte die Stiftung über Crowdfunding generieren. Crowdfunding ist eine Schwarm- oder Gruppenfinanzierung. Invitare nutzt dafür die Internetplattform Xavin. Möglich sind Spenden oder ein Darlehen mit fünfjähriger Laufzeit bei einem Festzins von 1,5 Prozent.

Das erste Obergeschoss der Beratungsstelle der Stiftung wurde bereits leergeräumt. Im nächsten Schritt stehen die Umbaumaßnahmen an: zwei zusätzliche Dachfenster sollen eingebaut, die separate Toilette zu einem zweiten Bad ausgebaut und eine Gemeinschaftsküche inklusive Ausstattung eingerichtet werden, in der dann bis zu sechs Personen am Tisch sitzen können. Entstehen sollen sechs Doppelräume. Des weiteren soll ein Treppenhausabschluss errichtet werden, um Beratungsstelle und Wohnung voneinander zu trennen. Dies alles soll noch in diesem Jahr umgesetzt werden, sagt Asendorf. Der Umbau selbst gehe allerdings erst los, wenn die Genehmigungen da seien und die Förderung gesichert sei.

Neben der Invitare-WG plant die Stiftung noch eine weitere Maßnahme: Sie will im Gartenbereich ein sogenanntes Tiny-House (winziges Haus) bauen. Auch dort soll eine Mutter mit Kind wohnen können. „Für eine vorübergehende Hilfe wird keine Vier-Zimmer-Wohnung benötigt“, sagt der Invitare-Chef. Das Tiny-House soll bis August 2020 fertiggestellt sein. Die Kosten dafür belaufen sich auf 85 000 Euro. Die Finanzierung läuft nach dem selben Prinzip wie bei der Invitare-WG. 30 500 Euro sollen insgesamt über Xavin zusammenkommen. 10 500 Euro des gesammelten Darlehens werden für die Renovierung des Obergeschosses genutzt. 20 000 Euro gehen in den Bau des Tiny-Houses.

Die Rückzahlung der 30 500 Euro Darlehen plus Zinsen (wobei Asendorf hofft, dass nicht jeder auf seine Zinsen bestehen wird) wird einerseits durch Mieteinnahmen und andererseits durch vorhandene Eigenmittel zurückgezahlt. Bislang konnte das Projekt sieben Investoren für sich gewinnen und 14 000 Euro akquirieren. Das Crowdfunding-Projekt endet am 15. November.

„Schon jetzt wurden unsere Erwartungen übererfüllt“, sagt Asendorf begeistert. Neben der finanziellen Unterstützung habe die Stiftung über ihre Homepage inseriert, dass Möbel und Einrichtungsgegenstände gebraucht werden. „Innerhalb von einem Monat haben wir die komplette Ausstattung gespendet bekommen“, sagt der Invitare-Chef. Küche, Kleiderschränke und alles was noch so benötigt wird, lagern in der Garage von Invitare.

Die Bewerbung für die Invitare-WG oder das Tiny-House soll über die bekannten Wege laufen, also das Jugendamt, das Frauenhaus oder andere Institutionen. Die Idee ist, maximal ein halbes Jahr in der Notunterkunft zu leben und sich in der Zeit nach einer Wohnung umzuschauen. Aber Asendorf sagt auch: „Wir können die Leute nicht aufnehmen und dann auf die Straße setzen, wenn es mal nicht so schnell geht, weil der Markt nichts hergibt“.

Info Noch bis zum 15. November kann man sich online am Projekt beteiligen.

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