Ludwigsburg hat am 30. Juni die Wahl, den amtierenden OB Werner Spec nochmals für acht Jahre an die Rathausspitze zu stellen oder sich für einen der vier alternativen Kandidaten zu entscheiden. Einer der Anwärter ist der 43-jährige Matthias Knecht, der aktuell Dekan an der Hochschule in Kempten ist und offiziell von SPD, CDU und Grünen unterstützt wird. Im Interview mit der BZ erklärt er seine Ziele und Vorstellungen zur Zukunft Ludwigsburgs, räumt mit Vorurteilen auf und berichtet aus dem Wahlkampf.

Herr Knecht, gleich zu Beginn eine Frage, die vielen unter den Nägeln brennt: Was hat es mit den Gerüchten auf sich, sie hätten sich von der SPD-Fraktionsvorsitzenden Margit Liepins zur OB-Kandidatur überreden lassen?

Matthias Knecht: Dass ich überredet worden bin, trifft nicht zu. Ich hatte schon lange, das war schon Ausgangsentscheidung meines Studiums, den Plan, in einer Gemeinde Verantwortung zu übernehmen. Beim MTV-Neujahrsempfang im Januar hatte ich mit dem Ersten Bürgermeister Konrad Seigfried gesprochen, ob er sich mich als Ersten Bürgermeister vorstellen könnte. Das hat Margit Liepins am Rande mitbekommen, worauf es zu einem ersten kurzen Gespräch kam. Konkret wurde es im März, als die Parteien Rücksprachen mit Herrn Spec hielten. Danach kamen CDU und SPD auf mich zu und sagten, dass die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit mit dem Amtsinhaber fehle. Daraufhin habe ich mich mit meiner Frau besprochen. Von ihr kam die klare Aussage, „Vom Alter her ist es optimal und du willst es schon lange, mach’s“. Die Entscheidung war getroffen und ich musste mich dann den Parteien präsentieren. Zuerst den Vorständen und dann den Mitgliederversammlungen, daraufhin haben SPD und CDU ihr Ja gegeben. Die Grünen haben sich im Mai positioniert.

Sie haben von Beginn an viel von sich und ihrer Familie preisgegeben, auch auf ihrer Homepage sind Fotos von ihrer Frau, ihrem Sohn und dem Rest der Familie zu sehen. Warum?

Es mag etwas altmodisch klingen, aber mir ist die Rolle als „Stadtvater“ sehr wichtig. Deshalb möchte ich auch als Familienmensch und Ludwigsburger gesehen werden. Ich orientiere mich da ein bisschen an Manfred Rommel, der ein Vorbild für mich ist. Ich glaube, dass ein Stadtvater dazu führen kann, dass Gräben überwunden und Leute zusammengebracht werden, die vielleicht politisch völlig zu Recht ihren Standpunkt haben, aber gut zusammenarbeiten müssen. Ich glaube auch, dass man als Stadtvater die Bevölkerung besser einbezieht, als wenn man immer seinen Weg geht, den man sich für die Stadt vorstellt. Das soll nicht heißen, dass ich visionslos bin. Es soll heißen, dass ich das, was ich mir für die Stadt vorstelle, auch transparent rückkopple mit den Leuten, die davon betroffen sind.

In der Vorstellung ihres Wahlprogramms haben Sie stark auf das Miteinander gesetzt, wodurch sie den Ruf des Mediators, der Ludwigsburg streicheln will, weg hatten. Wie stehen Sie dazu?

Dieses Miteinander möchte ich bitte nicht im Sinne von Streicheln und Kuscheln verstanden wissen, sondern im Sinne eines vertrauensvollen Dialogs und Miteinanders von Stadtverwaltung, Gemeinderat und Bürgerschaft. Das zeigt sich auch gut in meiner aktuellen Rolle als Vorsitzender des Stadtverbands für Sport, in der ich für alle 47 Sportvereine Ludwigsburgs der Interessenvertreter bin und einen guten Ausgleich zwischen den Vereinen geschaffen habe und trotzdem auch mal klar gesagt habe, wenn etwas nicht gemacht werden konnte. Miteinander vertrauensvoll schließt für mich Zielstrebigkeit und Konsequenz nicht aus, sondern mit ein. Das ist für mich ein Element guter Führung.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie hätten keine Erfahrung in Sachen Verwaltung und dem Führen einer Stadt?

Ich habe Jura und Verwaltungsmanagement studiert. Die Basis ist also gelegt. Ich war zehn Jahre lang bei der Max-Planck-Gesellschaft im Bereich Wissenschaftsverwaltung tätig und drei Jahre bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Region Stuttgart an der Seite des Geschäftsführers als persönlicher Referent, da habe ich mit den 179 Gemeinden der Region zusammengearbeitet und auch das Thema Fördermittelprojekte sehr gut kennengelernt. Auch in Kempten bin ich nicht „nur“ Rechtsprofessor, sondern verantworte als Dekan Budget und Personal der Fakultät und mache seit vielen Jahren jeden Tag Verwaltungsarbeit.

Jedoch waren Sie noch nicht (Ober-)Bürgermeister einer Gemeinde.

Ich war noch nicht Bürgermeister einer Gemeinde, das stimmt. Das will ich nicht wegreden. Trotzdem glaube ich, dass eine Stadtverwaltung, die so gut aufgestellt ist, nicht aus dem Tritt kommt, weil der Chef sich ändert. Wir haben tolle Bürgermeister, Konrad Seigfried, Gabriele Nießen und Michael Ilk. Ich bin absolut optimistisch, dass Knecht nicht ins kalte Wasser geworfen wird und man ihn schwimmen lässt. Es wird auch bei den Bürgermeistern ein Miteinander geben, sodass ich mir keine Sorgen um Ludwigsburg oder mich selbst mache.

Wie möchten Sie Projekte angehen? Setzen Sie auf eine klare Priorisierung mit einer festgelegten Reihenfolge oder würden Sie, wie es aktuell von der Stadtverwaltung gemacht wird, vieles parallel laufen lassen?

Sagen wir es mal so, man muss auch bei einer Priorisierung gewisse Dinge zeitgleich machen. Es sind viele Menschen nach Ludwigsburg gezogen, weil die Unternehmen unserer Stadt viele Arbeitsplätze geschaffen haben. Das hat Folgen im Bereich Wohnungsbau, Bildung und Kinderbetreuung. Diese Trias hat Bedarf, es wird nicht wenig von der Stadt getan, der Bedarf bleibt aber bestehen. Diese Themen können nicht nach hinten geschoben werden. Das sind für mich die drei Hauptthemen. Dann kommt das Thema Mobilität als Prio zwei. Klimawandel ist nicht Prio drei – es stört mich, wenn Klimawandel immer singulär gesehen wird. Er spielt in die anderen Themen rein. Beim Thema Wohnungsbau etwa müssen nachhaltig-energetische Konzepte mitgedacht werden. Klimawandel ist auch Teil der Mobilität. Ich priorisiere Aufgaben, das führt aber nicht dazu, dass ich Dinge jahrelang gar nicht mache. Priorisierung ist das eine, Mitdenken der anderen Themen aber das andere.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen und die Idee dahinter erklären?

Wenn wir immer mehr Projekte machen, verlieren wir den Blick für das Wesentliche und kommen bei den einfach Dingen, die den Bürger aber stören und umtreiben, nicht zu zufriedenstellenden Ergebnissen. Beispiel Baustellenmanagement. Das ist kein reines Verkehrsthema. Wenn wir bei Baustellen nicht mitdenken und einmal Fernwärme, einmal Breitband legen, dann dürfen wir nicht mehrere Baustellen an der gleichen Stelle über mehrere Jahre haben. Wir müssen es schaffen, dass es eine Baustelle ist und wenn die geschlossen wird, auch alle Kabel drin liegen und nicht mehrfach aufgerissen wird. Wir müssen lieber die einfachen Dinge umsetzen, als immer neue Lorbeeren abholen zu wollen als Vorzeige- und Pilotstadt.

Wie beurteilen Sie den bisherigen Wahlkampf?

Der gemeinsame Wahlkampf ist fair gelaufen. Dass mal auf Nebenkriegsschauplätzen über den anderen nicht unbedingt das geäußert wird, was man nun wirklich lesen will, wie in dieser E-Mail von Herrn Spec, das fand ich nicht wild. Über die Sozialen Medien kommen auch Aussagen, bei denen ich mir genau überlegen muss, ob es wirklich richtig ist, gleich auf Facebook zu antworten. Da muss man drüber stehen, das ist halt Wahlkampf.

Was würden Sie als OB gerne angehen, neben den gesetzten Themen?

Wir brauchen mehr interkommunale Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden wie Möglingen, Remseck, Kornwestheim oder Bietigheim und Marbach. Ich glaube, das ist vor allem wegen Stadtbahn und BRT ein bisschen verloren gegangen. Nicht nur das Verhältnis Landrat Haas und OB Spec ist schwierig, sondern auch zwischen anderen Gemeinden und der Ludwigsburger Stadtverwaltung. Da müssen wir wieder mehr ins Gespräch kommen und miteinander beispielsweise an Verkehrslösungen oder Lösungen für Wohnbau arbeiten.