Wer in Ludwigsburg eine Schlossführung bucht, sieht nicht automatisch einen Thron und königliche Schlafzimmer. Um sich einen Eindruck vom einstigen Leben, den Umständen und Gewohnheiten am Hof zu verschaffen, kann man sich auch von einer anderen Seite her nähern und sich spezifischen Fragen widmen: Warum trugen Männer eine Flitterweste, womöglich mit Blumenmuster? Was war das Nonplusultra an Luxus zum Protzen? Und wie viel Gramm Seidenfaden ergeben ein Kilogramm Kokon? Es sind Fragen, die Anita Klaus-Mathony in der neuen Sonderführung „Weißes Gold und Glanz der Seide“ beantwortet. Dieser Rundgang wurde beim „Frühlingserwachen“ am Samstagabend erstmals vorgestellt. Vor einigen Jahren haben die Verantwortlichen des Ludwigsburger Schlosses die Veranstaltung im März eingeführt: Zwischen 17 und 24 Uhr haben nicht nur die Museen im Schloss geöffnet, es werden auch die neuen Themenführungen vorgestellt.

Einblicke ins damalige Leben

Durch sie formen sich Eindrücke des damaligen Lebens aus ganz anderen Blickwinkeln. Premiere erlebten am Samstagabend auch die Kostümführung „Von weißer Wäsche und bunten Geschichten“ mit Wäschemagd Berta sowie „…und sie wuschen sich doch! Unterwegs in der Unterwelt des Schlosses“, die sich mit den Wasch- und Hygienegewohnheiten der einstigen Schlossbewohner befasst.

Angelegt sind die Führungen als Museumstour, wobei die Exponate der im Schloss untergebrachten Museen als Aufhänger für die Erläuterungen dienen. Wem der Sinn am Samstagabend nicht nach Führung stand, konnte die Museen, inklusive der aktuellen Hundertwasser-Ausstellung, unabhängig davon besuchen oder Kenji Fuchiwaki über die Schulter schauen. Der japanische Keramikkünstler hat seine Werkstatt in den Räumlichkeiten des Keramikmuseums und bot auch diesmal einen Workshop an, bei dem Besucher selbst ein Schälchen aus Steinzeugton herstellen konnten.

In den letzten Jahren war das „Frühlingserwachen“ stets ein Garant für hohe Besucherzahlen. Am vergangenen Samstag hielt sich die Nachfrage zurück. An der Schlosskasse erklärt man sich das mit dem Corona-Virus. Zur Führung „Weißes Gold und Glanz der Seide“ waren einige vorangemeldete Personen nicht erschienen, Anita Klaus-Mathony zog trotzdem los. Seit 1993 lotst sie Besucher durch das Ludwigsburger Schloss. Am Samstagabend führte sie ihre erste Station zum privaten Gesellschaftsapartment von Herzog Carl Eugen in die Zeit des Rokoko. Der hatte bereits eines für offizielle Gäste, wollte aber noch eines. Ein privates über der Bel Etage. Gewohnt habe man hier nicht, erzählt Klaus-Mathony, „das wurde zur Unterhaltung für Gäste errichtet.“ Und weil zwei Vorzimmer zum Hauptraum, dem sogenannten Assembléezimmer, nicht genügten, und die Kavalierstreppe dem Herren zu alltäglich gewesen sei, musste noch ein Vestibule her, also ein weiteres Vorzimmer, erläutert die Schlossführerin.

Da sich diese Führung auch dem Thema Seide intensiv widmet, darf das kostbarste Stück im Modemuseum nicht fehlen: das rote Courtkleid, umgangssprachlich „Ellenbogenkleid“ genannt, weil das seitliche Gestell so breit absteht, dass man seinen Ellenbogen darauf ablegen und die Trägerin meist nur noch seitlich durch die Tür gehen konnte. Der Grund für derlei Extravaganz: Man konnte mehr Stoff mit aus echtem Gold bestehenden Fäden zur Schau stellen – ein Zeichen von Reichtum. Männer trugen feminine Blumenmuster auf eng anliegenden Jacken und ließen sich von Glitzer und Flitter zieren. Was heute eine teure Uhr ist, war damals die Spitze, die vorne am Ärmel und am Kragen herausschaute.

Protz und Prunk

Zu den Prunkstücken der Führung zählen zudem Sitzmöbel, die noch mit dem ursprünglichen Seidenbezug bespannt sind. Überhaupt: Prunk und Protz sollen kein Ausdruck von persönlichem Größenwahn gewesen sein, erklärt Anita Klaus-Mathony, „Rang und Status der Macht angemessen zu repräsentieren war ein Auftrag, eine Art politische Aufgabe.“ Und daher wollte sich auch Carl Eugen, der sich in Stuttgart das Neue Schloss bauen ließ und in Ludwigsburg hauptsächlich zwischen 1765 und 1775 residierte, nicht lumpen lassen: Er gründete seine eigene Porzellanmanufaktur. So konnte er mit dem Sachverstand seiner sogenannten Arkanisten prahlen und sich obendrein mit einer Ludwigsburger Spezialität rühmen: dem Schuppenmuster. „Luxusobjekte selber herstellen war etwas ganz Besonderes. Das war ein notwendiges Attribut des Glanzes und der Würde“, weiß Anita Klaus-Mathony, die Kunstgeschichte studiert hat. Ein Relief auf Porzellan und dann noch mit Blumenmalerei verziert – „das war das absolute Nonplusultra.“