Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber  Uhr

Die Balance zwischen Spiel, Erleben und Information ist wichtig, um die Leute zu erreichen“, sagt Matthias Hyrenbach. Der 65-Jährige war Immobilienkaufmann und ist inzwischen Frührentner. „Ich wollte meine Zeit in die Natur investieren“, sagt er. „Vor zwei Jahren habe ich begonnen, Führungen zu organisieren“, so der ausgebildete Natur- und Landschaftsführer. Erst im privaten Rahmen, dann habe er die Ausflüge in die Natur umfangreicher gestaltet und viel Recherche betrieben. Am Sonntag beginnt seine neueste Tour mit dem Titel „Kleinod Hungerberg – die Steine, die Landschaft und die Besiedelung durch die Menschen“, die er mit Tourismus & Events Ludwigsburg in einem halben Jahr Planungszeit auf die Beine gestellt hat.

Treffpunkt ist das Uferstüble in Ludwigsburg-Hoheneck, dann geht die Reise durch die Zeitgeschichte los. Gleich zu Beginn steht eine Verkostung. Das ist der einzige Mineral- und Sole-Brunnen Ludwigsburgs“, erklärt Hyrenbach und ermutigt zum Probieren.

300 000 Jahre altes Wasser

Aus einem Hahn tropft Sole-Wasser, das 2,17 Prozent gelöste Salze enthält und 30 000 Jahre alt ist, wie der Natur- und Landschaftsführer berichtet. Aus den anderen beiden Wasserhähnen fließt Mineralwasser mit 0,1 Prozent gelösten Salzen. Über den Hähnen erstreckt sich der Bohrturm, der 1906 wegen Wassernot errichtet wurde. Das Sole-Wasser befinde sich im Boden zwischen der Muschelkalk- und Buntsandstein-Schicht in 177 Metern Tiefe. Das Mineralwasser in 27 Metern Tiefe. Beides versorge Hoheneck und das Heilbad mit Wasser.

Dann geht’s den Berg hinauf. Während des Aufstiegs sei Stillschweigen angesagt, erklärt Hyrenbach im Gespräch mit der BZ. Nicht nur, um weniger außer Puste zu geraten, er wolle damit erreichen, dass die Teilnehmer die Natur intensiver wahrnehmen. Der Lohn für den Aufstieg folgt sogleich: Ein Ausblick über das rund 65 000 Quadratmeter große Naherholungsgebiet Hungerberg. 1837 ist dort eine Ziegelhütte zur Herstellung von Mauer- und Dachziegeln entstanden, die die Firma Hubele übernahm und bis heute führt. Löss wurde abgebaut und später Muschelkalk, der für den Straßenbau verwendet wurde. Seit 1981 sei die Ziegelproduktion geschlossen.

„2005 hat die Stadt den ausgebeuteten Steinbruch renaturiert“, so der Naturführer. „Hätte es Ludwigsburg schon vor 145 Millionen Jahren gegeben, wäre die Barockstadt 1400 Meter über dem Meeresspiegel gelegen“, erklärt Hyrenbach. 1200 Meter Erdreich wurden bis zur Gründung der Barockstadt vor 300 Jahren abgetragen. Woher der Naturführer das weiß? Die Steine verraten es ihm. Am sogenannten geologischen Fenster (siehe Foto oben) ist ein Querschnitt durch den Boden zu sehen. Ganz unten ist Muschelkalk, der durch kleine versteinerte Fossilien erkennbar ist. Darüber liegt Fluss- oder besser gesagt Neckarschotter, denn „hier ist mal der Neckar geflossen“, klärt Hyrenbach auf. Darüber ist mehliger Löss zu sehen – unten mit Lösskindln, oben entkalkt, da der Kalk absinke. „Neuzeitliche Ablagerungen aus dem Neckar liegen also auf uraltem Muschelkalk“, sagt Hyrenbach und ist ansteckend in seiner Faszination für Geologie. „Ich versuche, ein Verständnis dafür zu vermitteln, was man an der profanen Steinwand so sieht.“ In seinen Führungen setze er auf einen Dreiklang aus Steinen, Landschaft und Menschen. Denn am Hungerberg sei auch die Menschheitsgeschichte ablesbar.

Jäger, Sammler, Siedler

Man habe Überreste von Jägern und Sammlern gefunden, vor 7500 Jahren kamen dann Siedler in die Region. Es folgten Kelten, Römer, Alemannen und Franken. „Um an diese Siedler zu erinnern wurde die Keltische Sonnenuhr 2005 erreichtet“, erklärt Hyrenbach. Warum die Region am heutigen Hungerberg so beliebt war, sei klar: Einerseits wegen des Neckars, an dem Fischfang möglich war und andererseits wegen der fruchtbaren Böden durch den Löss.

„In dem Moment wenn der Mensch siedelt, greift er in die Natur ein. Er rodet, baut“, so Hyrenbach. „Wir sollten achtsam mit der Natur umgehen, damit auch unsere Kinder sie noch genießen können. Deshalb bin ich Naturführer geworden.“

Zwei Führungen durch die Natur

Die Führung „Kleinod Hungerberg“ ist eine der wenigen Naturführungen in Ludwigsburg. In 2,5 Stunden werden 50 Höhenmeter überwunden sowie eine Strecke von 3 Kilometern. Die Wege sind nicht für Kinderwägen oder Rollatoren geeignet. Die Führung von 14 bis 16.30 Uhr kostet acht Euro pro Person. Premiere ist am Sonntag, 5. Mai, andere Termine sind: 12. Mai, 2., 16. und 30. Juni sowie am 21. Juli. Anmeldung unter Telefon (07141) 9 10 22 52, bei der Tourist Information.

Eine zweite Führung, „Die Steine, die Landschaft und die Menschen“, bietet Hyrenbach durch das Naturschutzgebiet unteres Remstal an. In 2,5 Stunden wird 7,5 Kilometer gewandert. Die Teilnahme kostet 10 Euro. Termine: 25. Mai, 21. Juni, 7. und 28. Juli, 4., 25. und 30. August. Anmeldung unter Telefon (0176) 31 55 04 42 bei Matthias Hyrenbach. hevo