Woche des Sehens Herr Assistent Rover im Dienst

Blindenhund Rover führt Claudia Lychacz sicher durch die Innenstadt Ludwigsburgs.  Foto:
Blindenhund Rover führt Claudia Lychacz sicher durch die Innenstadt Ludwigsburgs. Foto: © Foto: MARTIN KALB
Von Ifigenia Stogios 12.10.2018

Mein Chef sagt immer Herr Assistent zu ihm“ sagt die 39-jährige Claudia Lychacz und kann sich das Lachen nicht verkneifen. Der Blindenhund Rover ist ihr „allerbester Freund“. „Er ist sensibel und merkt sehr schnell, wie die Menschen drauf sind. Außerdem ist er ein Türöffner für Gespräche.“ Die Sozialpädagogin arbeitet bei der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB). Das ist eine Beratungsstelle für Behinderte (die BZ berichtete). Nebenher bedient sie im Stuttgarter Dunkelrestaurant Rosenau. Im Rahmen der Woche des Sehens, traf sich die BZ mit ihr. Ende 2016 machte die Freibergerin eine Schulung, um einen Blindenhund führen zu können. Mitte 2017 erhielt sie von der Krankenkasse die Erlaubnis für einen solchen Wegbegleiter. Und dann kam Rover in ihr Leben. Im Gegensatz zu einem Rollstuhlassistenzhund ist er nicht im selben Maße beansprucht: „Sein Job beginnt außer­halb meiner Haustür. Zu Hause darf er Hund sein.“ Draußen jedoch hilft er seiner Besitzerin Treppen zu steigen, Sitzbänke, Bankschalter und Türen zu finden und Aufzüge zu suchen. Eine seiner schwierigste Aufgaben ist laut Lychacz Höhenhindernisse wie etwa Parkplatzschranken zu erkennen. Die Schwierigkeit liegt darin, zu merken, dass er zwar von der Höhe her das Hindernis überwinden kann, sein Frauchen aber nicht.

Italienische Kommandos

40 Grundkommandos besitzt der rund 30 000 Euro teure Vierbeiner, allerdings auf Italienisch. Das habe Vorteile, denn so könne ihn nicht jeder Passant von seiner Arbeit abhalten, erzählt Lychacz. Da seine Besitzerin kein Italienisch spricht, musste sie wegen seines Trainings Vokabeln lernen. Doch das stört sie nicht.

Worauf es am meisten ankommt, wenn sie mit Rover unterwegs ist? „Man muss im Team arbeiten.“ Dass sie recht hat, stellt sich schnell heraus. Bei einem Treffen vor dem Ludwigsburger Bahnhof steht dem gut eingespielten Team schon die erste Herausforderung bevor: Durch eine große Menschenmenge laufen. Lauter Menschen stehen den zwei im Weg. Der  Hund hört auf einmal auf, zu laufen. Manch einer, würde denken, er sei überfordert mit der Situation, doch das ist er nicht. Das Stehenbleiben ist ein Zeichen für sein Frauchen, dass es Hindernisse gibt. Lychacz bleibt ruhig und versucht mittels ihres Stocks zu ertasten, wie viel Platz ihr zur Verfügung steht. Daraufhin fragt sie die Passanten, ob sie auf die Seite gehen können. Sobald sie genug Freiraum hat, geht es weiter. Dann heißt es die Straße zu überqueren.

Claudia Lychacz war nicht von Geburt an so sehbeeinträchtigt wie sie es heute ist. „Ich wurde mit dem Grauen Star geboren“, sagt sie. Brillen für Babys gab es zu dieser Zeit noch keine. „Der Optiker musste etwas Eigenes konstruieren.“ Obwohl sie sich zahlreiche Operationen unterzog, erkrankte sie auch noch am Grünen Star. Diese Krankheit führe dazu, dass der Wasserabfluss im Auge nicht regulierbar sei, somit entstehe zu viel Druck, der wiederum den Sehnerv schädige. Mit 20 machte sie ihr Abitur, da hatte sie eine Sehstärke von 50 Prozent im einen Auge und 30 Prozent im anderen. „Bis Mitte 20 hatte ich 60 Operationen hinter mir. Obwohl es mir sehr schlecht ging, machte ich eine Party mit Freunden, um es zu feiern“, sagt die lebenslustige Frau. Ab dann habe sie aufgehört zu zählen.

Als 2005 ihr Sehvermögen zwischen fünf und zehn Prozent betrug, beschloss sie: „Ich brauche ein Mobilitätstraining.“ Also legte sie eine Prüfung ab, um mit einem Blindenlangstock sicher unterwegs sein zu können. Doch bis sie zum Stock griff, dauerte es. Sie steckte ihn zu Beginn in ihren Rucksack. „Ich hatte das Gefühl, dass mich alle anstarren“, verrät sie. „Es ist schwer die Eigenkontrolle abzugeben.“ Beim Vorstellungsgespräch für ihr zweites Praktikum musste sie sich ebenfalls überwinden. „Heute lache ich darüber. Wer mich nicht so hinnimmt, wie ich bin, der braucht mich nicht.“

Info Am Mittwoch, 24. Oktober, hält Claudia Lychacz einen Vortrag unter dem Motto „Schon mal gesehen? Leben mit einer Sehbehinderung“. Der Eintritt beträgt sechs Euro. Die Veranstaltung findet im Kulturzentrum der Volkshochschule Ludwigsburg, um 19 Uhr, im Raum 308, statt. Infos und Anmeldung telefonisch unter (07141) 9 10 24 38 oder per E-Mail unter vhs@vhs-ludwigsburg.de.

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