Ludwigsburg / Carolin Domke

Gerade kommen hier Leute rein, die bringen vier Käfige mit Meerschweinchen mit.“ Keine Seltenheit, wie Tierheimleiterin Ursula Gericke erzählt. Seit mehr als 30 Jahren ist sie im Tierheim Ludwigsburg aktiv und hat in dieser Zeit viel erlebt. Teils grausames, aber auch viele schöne Momente waren dabei. Dazu zählt nicht nur die Rückgabe des Haustiers, wie im Fall der Meerschweinchen, verwahrloste und kranke Tiere müssen aufgepäppelt oder aus einer misslichen Lage befreit werden. Und schließlich der schöne Moment: die erfolgreiche Vermittlung.

1500 Tiere, darunter auch Wildtiere, landen etwa in einem Jahr im Tierheim Ludwigsburg. Wildtiere deswegen, denn es geht nicht nur um die Vermittlung, sondern um Tierschutz allgemein. Zum Beispiel verwaiste Igelbabys, die im Garten gefunden werden, versorgen die Pfleger und wildern sie später wieder aus. In anderen Fällen arbeitet das Tierheim zudem eng mit Wildtierstationen zusammen. „Wir übernehmen die Erstversorgung und bringen die Tiere dann zur entsprechenden Stelle“, erklärt die Leiterin.

Die Vermittlungsaussichten für die Tierheimbewohner stehen übrigens sehr gut. 90 bis 95 Prozent der Hunde finden in Ludwigsburg innerhalb eines Jahres ein neues Zuhause. Bei Katzen sieht es ähnlich aus – „am Ende geht es fast auf“, sagt Gericke stolz. Bei den Katzen handelt es sich oft um Fundtiere, die dann vor der Abgabe erst kastriert werden, um eine unkontrollierten Vermehrung zu verhindern.

Wenn Tierliebe zu weit geht

Für die Heimleiterin zählen Tiere als ein Familienmitglied. „Katzen und Hunde gehören einfach dazu.“ Was aber in vielen Fällen schiefläuft sei mitunter „katastrophal“. „Das fängt bei der Massentierhaltung von Nutztieren an. Das ist das allerschlimmste“, wenn zum Beispiel Kälber vom ersten Tag an ihrer Mutter entrissen werden, sagt sie. „Weiter geht es mit den Versuchstieren und dann zu den Haustieren, die aus den Familien rausgenommen werden, weil man keine Zeit mehr hat oder sich nicht mehr darum kümmern möchte“, erklärt sie die Beziehung zum Tier. „Da kommt eins zum anderen.“

Manchmal geht die Tierliebe aber auch zu weit und es kommt zum regelrechten Sammeln von Tieren – dem „Animalhording“. Viele solcher Fälle hat die Tierschützerin miterlebt. „Das fängt harmlos an“ und geht soweit, dass die Halter ihre Tiere nicht mehr versorgen können. „Die Leute überschätzen sich dann“, erklärt sie diese Art von Tierhaltung. Die Wohnungen sind oft verdreckt, die Tiere in schlechtem Zustand. „Wir hatten mal einen Fall mit 45 Degus in einer Wohnung. Und auch einen mit 20 bis 30 Kaninchen.“ Gerade, wenn die Tiere nicht kastriert sind, kommt es schnell zu ungewollten, oder auch gewollten Nachwuchs. „Den Leute wächst das dann schnell über den Kopf. Auch mit den Reinigungsarbeiten.“

So auch ein Fall mit 15 bis 20 unkastrierten Katzen. „So viele Toiletten kann man gar nicht in einem Haus aufstellen. Katzen sind sehr reinlich, die wollen ihr Klo nicht teilen.“ Dazu kam ein Flohbefall im ganzen Haus. Es muss aber nicht immer eine Vielzahl an Tieren sein. Auch vier Katzen können schon zu einer Herausforderung werden, meint die Expertin. Nicht selten handelt es sich bei Animalhordern auch um eine psychische Störung. „Der Umgang mit anderen Menschen kann ein Problem für sie sein. Dann sehen sie in dem Tier einen Sozialpartner“, was dann ausartet, begründet sie die übertriebene Tierliebe.

Viele Tiere kämen allerdings auch ins Tierheim, weil die Halter nur schlecht informiert waren. Dabei geht es vor allem um Tiere, die auf Internetplattformen wie ebay gekauft wurden. „Der Händler will einfach Geld“, und so komme es zu ungünstigen Konstellationen, wie junge Hunde bei Senioren oder schwierige Rassen zu Familien mit Kindern. Grundsätzlich spiele das Alter der neuen Besitzer aber keine Rolle, so die Leiterin, „wichtig ist, dass eine Person da ist, die behilflich ist. Das gilt auch für junge Menschen, dass jemand im Notfall eintritt.“ Zudem sollte man sich vor der Anschaffung bewusst sein, was es bedeutet ein Tier zu halten und überlegen, ob es zum Alltag passt.

Viele Stammkunden

Es gäbe auch viele Stammkunden im Tierheim Ludwigsburg, die Tiere in der dritten Generation halten oder sich alten oder kranken Tieren widmen, und die die letzten drei bis vier Jahre ihres Lebens noch ein schöne Zeit verbringen können. Bei den vielen Schicksalen ist es für Ursula Gericke immer eine Freude die vielen Menschen zu sehen, „die Fotos schicken, und zeigen, wie gut es den Tieren geht.“

Animalhording - was ist das?

Unter Animalhording versteht man die Sucht, Tiere zu horten. Den betroffenen Menschen ist es dann nicht mehr möglich, die große Anzahl angemessen zu pflegen und zu versorgen, so der Deutsche Tierschutzbund. Es fehlt an Nahrung, Hygiene oder tierärztlicher Betreuung.

Anzeichen der Tiersammel-Sucht können sein: Überdurchschnittlich viele Tiere – zum Beispiel mehr als drei Hunde, oder drei bis vier Katzen, oder viele Nager. Weiter leben die Tiere auf zu engem Raum, haben keinen Auslauf. Eine Einsicht der Halter, die Anzahl der Tiere zu reduzieren, ist vergebens.

Fällt jemand in dieses Raster, folgt meist eine Anzeige aus der Nachbarschaft und das zuständige Veterinäramt schreitet ein, erklärt Tierheimleiterin Ursula Gericke. Das Tierheim greift dann unterstützend ein und nimmt die Tiere bei sich auf, bis sie fit zur weiteren Vermittlung sind. cd