Schlossfestspiele Gewagt und gewonnen

Action gab es nicht bei „Lucio Cornelio Silla“ im Schlosstheatr.
Action gab es nicht bei „Lucio Cornelio Silla“ im Schlosstheatr. © Foto: Alciro Theodoro da Silva
Von Sandra Bildmann 07.07.2018

Er ist verheiratet, will dennoch nicht nur eine vermählte Frau heiraten, sondern macht auch einem jungen Mädchen Avancen. Die erotische Hybris eines machtvollen Mannes ist kein ungewöhnlicher Stoff für ein Opernlibretto. Wer aber glaubte, bei dieser Handlung werde es auf der Bühne zur Sache gehen, der irrte – zumal die Erotik bei schmachtenden Männern in Sopranlage gewöhnungsbedürftig ist. Denn bei Händels „Lucio Cornelio Silla“ werden die männlichen Hauptrollen entweder von Countertenören oder einer Frau gesungen. So erscheint es wenig verwunderlich, dass es dieser Oper ein bisschen an Authentizität fehlt, damit sie packt.

In Zeiten, da sich Inszenierungen früher Opern in puncto Bühnenbild, Kostüm und Metaebene kaum noch am Original orientieren, war diese barocke Aufführung bei den Schlossfestspielen für das Publikum im 21. Jahrhundert gerade deshalb ein absoluter Gewinn. Denn diese Inszenierung (Regie: Margit Legler, Ausstattung: Johannes Ritter) der 1713 uraufgeführten Oper folgte dem Prinzip der historisch informierten Aufführungspraxis. Sie hat eine möglichst originalgetreue Wiedergabe des Stücks zum Ziel. Und weil die Atmosphäre im schmucken Schlosstheater mit dem Charme vergangener Jahrhunderte stattfand, hätte es wohl kaum günstigere Bedingungen für eine solche Darbietung geben können. Gewagt und gewonnen.

So konnte sich das Publikum in diese Zeit versetzt fühlen. Neben dem Ort des Geschehens trugen Kulissenwände sowie wallende Gewänder und barocke Bewegungsmuster der Akteure zu diesem Eindruck bei. Aus heutiger Perspektive mögen die Umgangsformen befremdlich kühl und emotionslos wirken. Wenn sich Flavia (Liliya Gaysina) und Lepido (Philipp Mathmann) beispielsweise ihre Liebe gestehen, heißes Verlangen das Blut in den Adern kochen lassen könnte – dann loderte das Feuer am Donnerstagabend eher auf Sparflamme. Händchenhalten und ein schüchterner Blick, das war’s.

Wo der Zuschauer offensichtlich dargestellte Leidenschaft früher noch als anstoßend empfunden haben mag, vermisst er sie heutzutage, denn von der Bühnenkunst der letzten Jahrzehnte ist er dank modernem Regietheater an vieles gewöhnt worden. Bei diesem „Lucio Cornelio Silla“ gab’s weder Lichteffekte noch schnelle Fokuswechsel oder Action. Interaktion der Personen fand auf der Bühne allein schon deshalb selten statt, weil die Oper numerisch aufgebaut ist. Es folgt Arie auf Arie; die Handlung schreitet schleppend vorwärts.

Umso notwendiger erscheint, dass die Sänger durch Körpersprache, Präsenz und Ausdruck der Geschichte Gestalt geben. Besonders Tuva Semmingsen, die in einer Hosenrolle den Kontrahenten Sillas gab, beherrschte das famos. Im Gegenzug wirkte die Variabilität im Ausdruck der Countertenöre bei aller stimmlichen Brillanz etwas gebremst. So kam beispielsweise Sillas Ausruf „Krieg! Gemetzel! Raserei!“ recht brav daher.

Etwas lebhafter wurde es, als Sillas Frau Metella (Anna Dennis) ihren Gatten in flagranti mit der jungen Celia (Ulrike Hofbauer) erwischt und er ihr vorhält: „Und du, Verweg’ne, traust dich, mein Vergnügen zu stören!“ Schleierhaft, warum diese Frau ihren Mann später dennoch in Schutz nimmt. Silla fleht beim Gott Mars (Thomas Hansen) um Vergebung. Und obwohl mehrmals verschiedene Menschen für tot erklärt werden, stirbt bei dieser Oper niemand. Stattdessen triumphiert am Ende die Versöhnung.

Das Musikalische ist im Fokus

Wo Szenisches sparsam eingesetzt wird, keine extravaganten Bühnen- und Kostümbilder Aufmerksamkeit ziehen, rückt das Musikalische noch stärker in den Fokus. „Alte Musik“-Spezialistin Dorothee Oberlinger dirigierte ihr 2002 gegründetes „Ensemble 1700“, das die Musik der Zeit auf historischen Instrumenten klasse wiedergab. Aus der Solistenriege ragte neben der stimmlich fantastischen und ausdrucksstarken Mezzosopranistin Tuva Semmingsen vor allem Liliya Gaysina heraus, die zwar eher in der romantischen Oper zuhause ist, mit ihrem Sopran aber wunderschön gestaltete. Dmitry Sinkovsky in der Titelpartie beherrschte mit seinem flexiblen Countertenor bravourös die Koloratur-Achterbahnen und fesselte durch seine Bühnenpräsenz.

Info Alle drei Vorstellungen, am Donnerstag, Freitag und am Samstag, waren und sind ausverkauft.

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