Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber  Uhr

Während die einen am 1. Mai, am Tag der Arbeit, mit dem Bollerwagen durch den Kreis zogen und die anderen den Start der Freibadsaison mit einem Sprung ins kalte Nass genossen, versammelten sich wieder andere um 11 Uhr in Ludwigsburg am Bahnhof, um in einem Demonstrationszug über den Synagogenplatz sowie den Marktplatz zu ihrem Ziel, dem Rathausplatz, zu marschieren. „Heute feiern wir den Tag der Arbeiterbewegung“, eröffnete Hartmut Zacher, Regionsgeschäftsführer Stuttgart der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, seine Rede.

„Feiern“ war durchaus das richtige Wort, Denn der Rathaus- glich einem Festplatz. Es waren Stände aufgebaut, die Sonne schien, und es gab von Rote Wurst und Kuchen. Doch die Kundgebung erinnerte an die ernsten Inhalte der 1.-Mai-Demo des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Unter dem Motto „Europa. Jetzt aber richtig!“ ging es dem DGB am Tag der Arbeit um Europa, und zwar „ein solidarisches und gerechtes Europa“, so Zacher.

„Wenn es die Europäische Union nicht gäbe, müsste man sie erfinden“, sagte Zacher. In vielen Bereichen, wie Arbeitszeiten, Urlaub und Mutterschutz schütze und erweitere die EU die Rechte der Arbeitnehmer. Aber auch wirtschaftlich profitiere Deutschland von der EU-Mitgliedschaft. „30 Prozent der Arbeitsplätze hängen direkt von Europa ab“, so Zacher weiter. Wenn Europa jedoch auf der Weltbühne weiterhin eine Rolle spielen wolle, dann müsse etwas getan werden. „Wenn wir sicher gehen wollen, dass rechte Schreihälse nicht die Oberhand gewinnen“, werde ein anderes Europa gebraucht. Eines, in dem die Interessen der Bürger und der Arbeitnehmer Vorrang vor den „Profitinteressen der Unternehmen“ haben.

Um ein Negativbeispiel zu nennen, musste der NGG-Geschäftsführer Region Stuttgart nicht weit weg vom Startpunkt der Demonstration. Vom Bahngleis aus sieht man noch das Caro-Werk, das Nestlé im 150. Jahr des Bestehens Ende 2018 schloss. 100 Menschen verloren ihren Job, noch immer sei die Höhe der Abfindungen der ehemaligen Ludwigsburger Mitarbeiter nicht geklärt, sagte Zacher im Gespräch mit der BZ. Geschlossen habe der Konzern die Firma nicht, weil sie Verluste gemacht habe, sondern weil der Profit in Portugal, wohin die Produktion verlagert werden soll, größer sei, so Zacher.

Bei der Subventionierung in Europa müsse genauer hingeschaut werden. Europaweite Standards sollten für gute Arbeitsbedingungen statt Dumping-Wettbewerb sorgen. „Die EU muss zum Vorbild fairer Globalisierung werden“, forderte der Gewerkschafter.

Der 1. Mai sei aber auch ein Tag, an dem die Gewerkschaften stolz zurückblicken könnten. Zacher lobte „tolle Tarifabschlüsse, die uns nicht in den Schoß gefallen sind und die wir hart erkämpfen mussten“. Auch an der Rentenerhöhung um 3,2 Prozent ab Juli hätten die Gewerkschaften ihren Teil beigetragen. Es gelte auch zukünftig für ein Rentenniveau zu kämpfen, das es Rentnern ermögliche, ein Leben in Würde zu führen. Weitere Themen waren europaweite Gleichstellungsstrategien für Mann und Frau sowie Wohnraum, der „Grundrecht und finanzierbar“ bleiben müsse.

Umrahmt wurde die Kundgebung von der Band „DieVagari“, die das Motto unterstrich. Die Tübinger Ethno-Folk-Band, deren Mitglieder aus Chile, Italien, Deutschland, Algerien und Frankreich stammen, unternahm eine klangliche Weltreise.