Ludwigsburg / Günther Jungnickl  Uhr

Eigentlich habe das Forschungsprojekt „Feinstaubfresser“ schon vor zehn Jahren begonnen, erinnert sich der Chef der Entwicklungsabteilung Filtersysteme von „Mann+Hummel“, Dr.-ing. Gunnar-Marcel Klein.

Damals setzte sich der schwäbische Tüftler Albert Kamm aus Aichwald (Kreis Esslingen) mit den Filterwerkern in Verbindung, sie möchten doch  prüfen, ob sich Feinstaub nicht durch ein „Auto als Staubsauger“ minimieren ließe. Doch damals kam erstens die Wirtschafts- und Finanzkrise dazwischen und zweitens sei damals die Zeit noch nicht reif für derartige Forschungsprojekte gewesen.

20 Ingenieure angesetzt

Das änderte sich allerdings schlagartig, als in Stuttgart beinahe täglich Feinstaubalarm los ging, weil vor allem am Neckartor verheerende Werte gemessen wurden. „Wenn nicht wir, wer dann“, dachte man sich offenbar bei „Mann+Hummel“ und setzte 20 Ingenieure auf das Forschungsprojekt „Feinstaubfresser“ an. Denn nicht nur die Öffentlichkeit wirkte elektrisiert, vor allem  Automobilhersteller machten sich Gedanken, wie man drohenden Fahrverboten in Stuttgart und anderen Großstädten entgehen könnte. Ganz abgesehen davon, dass man sich auch in China und Indien Gedanken über die Luftverschmutzung in ihren Metropolen macht. Weshalb auch dort zeitgleich zu Ludwigsburg und Stuttgart das Forschungsprojekt getestet wird.

 Bereits im August 2017 konnte das Forschungsteam um Jan-Eric Raschke in Ludwigsburg den ersten „Feinstaubfresser“ auf dem Ludwigsburger Marktplatz vorstellen, und noch im gleichen Jahr eine stationäre Filtersäule direkt vor ihrem neuen Technologiezentrum an der viel befahrenen Schwieberdinger Straße aufstellen. Für Entwicklungschef Dr. Klein könnte man mit etwa 100 solcher Saugsäulen  die Feinstaubbelastung der Stuttgarter Innenstadt (3,6 Quadratkilometer) weit unter den kritischen Grenzwert von 40 Mikrogramm senken. Und damit könnte das gerichtlich mögliche Fahrverbot vermieden werden? „Ja“ sagt der promovierte Verfahrenstechniker Klein aus vollster Überzeugung.

 Den dritten Coup landeten die „Feinstaubfresser“ in Kooperation mit dem Aachener DHL-Tochterunternehmen „Streetscooter GmbH“, das für das Großunternehmen Paketautos mit abgasfreien Elektromotoren herstellt.

Erprobung mit Postautos

„Denn“, so die Überlegung der Entwickler, „Feinstaub entsteht nur zu zehn Prozent durch Abgase, auch Bremsvorgänge, Reifen- und Asphaltabrieb erzeugen die mikroskopisch feinen Partikel“. Deshalb wurden in einer ersten Erprobung fünf Postautos mit Filtermodulen aus Ludwigsburg nachgerüstet. Mehr als 5500 sind für die DHL bereits unterwegs. 20 000 solcher Fahrzeuge will Streetscooter nach Angaben von Geschäftsführer Achim Kampker bauen. Fallen die Tests positiv aus, werden die Filter serienmäßig zum Stückpreise von zirka 1000 Euro eingebaut.

 Der klobige Filter auf dem Dach ist in einer sehr viel kleineren Version unten am Heck der  Postfahrzeugs eingebaut worden. Damit könnten 80 Prozent des Feinstaubs herausgefiltert werden. Der dazu notwendige Strom zum Betreiben des Filters könnte über Solarmodule am Fahrzeug emissionsfrei produziert werden, um möglichst die Batterien nicht zusätzlich zu belasten. Deshalb hat dieses Projekt auch seinen Namen bekommen: Das „Ohne-Alles-Auto“.

Ferner wird am vierten Feinstaubprojekt bei „Mann+Hummel“ weiter gearbeitet, obwohl die Innenraumfiltration vor allem für Allergiker schon im Wesentlichen erprobt ist und sich bewährt hat. Dennoch wird dort weiterhin nach noch besseren Filtermaterialien geforscht, wie etwa Kunst- oder Glasfasern.

Bei dem letzten Thema ist die Bevölkerung zusätzlich alarmiert: Schließlich steht man bei ständig zunehmendem Verkehrsaufkommen auch immer öfter im Stau.