Ludwigsburg Experiment: Das Konzert als Messe

Rebekka Bakken sang in der Stadtkirche in Ludwigsburg traditionelle norwegische Kirchenlieder.
Rebekka Bakken sang in der Stadtkirche in Ludwigsburg traditionelle norwegische Kirchenlieder. © Foto: Martin Kalb
Ludwigsburg / Gabriele Szczegulski 08.06.2018

Keiner, nicht mal der Intendant der Schlossfestspiele, Thomas Wördehoff, wusste, was das Publikum an diesem Mittwochabend in der Ludwigsburger Stadtkirche erwartete: Denn die Veranstaltung mit der Sängerin Rebekka Bakken, dem Gitarristen Knut Reiersrud und dem Organisten Iver Kleive wurde von den Künstlern nur für Ludwigsburg konzipiert und bekam seine endgültige Fassung erst in den letzten Tagen. Trotzdem: Schon seit Langem war das Konzert ausverkauft, die Warteliste war sehr lang. Das Ludwigsburger Publikum vertraut nach langem Misstrauen der Intendanz und lässt sich auf Konzerte ein, die auch scheitern können.

Drei Oktaven

Aber: Die norwegische Sängerin, die über drei Oktaven singen kann, ist in Ludwigsburg keine Unbekannte mehr. Doch: Das Konzert war ein Experiment, das durch Bakkens Stimme gewann, aber durch einen sehr orgellastigen, oft schweren, klerikalen Charakter und zu lange experimentelle Gitarrenstücke auch an die Grenzen der Belastbarkeit des Publikums ging.

Ohne Zweifel: Alle drei Musiker sind Meister ihres Faches. Faszinierend zu hören, wie Knut Reiersrud nur mit ein bisschen Wasser auf den Saiten Meeresrauschen zaubert oder wie seine elektrische Gitarre ein ganzes sinfonisches Orchester ersetzt. Auch Iver Kleive an der Orgel ist ein Hexenmeister der Tonmalerei. Doch Gitarrenexperimentalmusik und Orgelekstase waren des Guten streckenweise zu viel. Man hätte sich mehr von der Stimme der norwegischen Sängerin gewünscht. Oder dass Kleives „Toccata über Großer Gott wir loben dich“ nicht allzu ausufernd und undurchdringlich gewesen wäre. Auch Knut Reiersruds Stück „Himmelskip“ oder das von ihm gespielte „Blowing in the Wind“ von Bob Dylan gerieten zur endlosen Jam-Session: zu viel des Guten.

Rebekka Bakkens Stimme eroberte allerdings mit den ersten Tönen den Kirchenraum und die darin sitzenden Besucher, die sich gewünscht hätten, noch mehr von ihr zu hören. Rebekka Bakken lebt diese Musik, die norwegischen Kirchenlieder, die, wie sie sagt „meine erste Liebe waren, mit diesen Liedern begann für mich alles“. Es ist egal, dass keiner Norwegisch versteht, Rebekka Bakkens Inbrunst, ihre tiefe Kraft, die Musik zu leben, beglückt. Ja, ihr Gesang ist beglückend, um diese alte feuilletonistische und mittlerweile verschmähte Ausdrucksweise zu benutzen. Ihre Haltung, die wie zum Gebet verschränkten Hände, zeigen, wie sehr sie in diese Musik vertieft ist. Sie lässt das Konzert zur Messe werden, die die Musik feiert.

Absoluter Höhepunkt des Konzerts aber waren nicht die norwegischen Gottesdienstgesänge sondern „What a wonderful world“, in dem alle drei Musiker an einem Strang zogen und das Stück von George David Weiss zu einem ganz neuen Kunstwerk machten.

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