Kreis Ludwigsburg Ex-Rockerbraut packt aus

Ludwigsburg / Bernd Winckler 21.06.2018

Im großen Osmanen-Prozess gegen acht Rocker-Mitglieder in Stuttgart-Stammheim (die BZ berichtete) ist die Vernehmung von Zeugen fortgesetzt worden. Neben Opfern, denen zum Teil Messerstiche, Prügel mit Schlagwaffen, Ohr und Penis abschneiden und Schüsse ins Bein verabreicht worden seien, hören sich jetzt die Richter die Aussagen mutmaßlich misshandelter und zur Prostitution gezwungener Zeuginnen an.

Interna des Clubs

Die 24-jährige ehemalige Freundin eines der Osmanen-Rocker nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie hat in der Zeit, als sie mit einem der „Jungs“ – wie sie sagt – liiert war, viel der Interna des Clubs mitbekommen. Das war in den Jahren 2015 bis 2017. Ihr Freund sei anfangs noch gar nicht Mitglied gewesen. Später, als er zu der Gruppe gehörte, habe er sich schlagartig geändert. Es habe Streitereien gegeben.

Während sie mit ihm Anfang 2017 einen einwöchigen Türkei-Urlaub verbrachte, habe er die telefonische Nachricht über die Folterungen und Misshandlungen gegen austrittswillige Mitglieder in Herrenberg, Esslingen und Ludwigsburg erhalten. Und dass es einen Konflikt mit den Kurden gäbe. Und sie habe auch gehört, dass man Geld sammle, um einen der festgenommenen Osmanen frei zu bekommen. Weil sie die Erzählungen über den Schuss in den Oberschenkel und der Entfernung der Kugel mit Pinzette nicht so recht glauben wollte, habe man ihr ein Handy-Video gezeigt. Seitdem wisse sie, dass dieses Opfer drei Tage lang in einer Wohnung misshandelt und gefoltert wurde und dass diese Geschichte wahr ist.

Auch sie selbst sei einmal recht grob vom Freund misshandelt worden. Er habe sie im Urlaubshotel an den Armen gepackt und auf das Bett geworfen und gewürgt. Danach habe sie tagelang Schmerzen gehabt. Mit einer Schmerztablette habe sie das jedoch wieder in den Griff bekommen. Unterdessen habe ihr Freund ihr weiterhin ewige Treue geschworen. Die Beziehung habe sie aber letztes Jahr beendet.

Zur Prostitution gezwungen

Laut der Anklage sollen die Beschuldigten neben Waffenhandel, Drogendelikten und teils schweren Körperverletzungen und Mordversuche auch eine 19-jährige Frau aus Stuttgart mit Gewalt, Drohungen und unter Schlägen zur Prostitution gezwungen haben. Man habe sie dann in ein einschlägiges Hotel verfrachtet, sie massiv eingeschüchtert, erpresst und ihr den Dirnenlohn in Höhe von 4000 Euro abgenommen. Diese Zeugin wollen die Richter an einem der nächsten Verhandlungstage zu den Vorwürfen vernehmen. Ob sie überhaupt aussagt, ist ungewiss. Immerhin soll sie sich in früheren Vernehmungen als Verlobte eines Angeklagten ausgegeben haben. In diesem Fall würde ihr ein Aussageverweigerungsrecht zustehen. Und es wäre nicht das erste Mal, dass eine zur Prostitution gezwungene Frau plötzlich ihre Peiniger nicht mehr beschuldigen will, weil sie vor der Aussage eingeschüchtert wurde.

Mit Äxten, und verschiedenen Schlagstöcken bewaffnet sollen zudem im November 2016 einige der Angeklagten mit weiteren Osmanen – etwa 25 an der Zahl – in Ludwigsburg „brutale Randale“ gemacht haben. Die Gruppe hatte in der Karlstraße zufällig einen jungen Mann gesehen, von dem sie wussten, dass er der kurdischen Bewegung Bahoz angehört. 20 Minuten später lag der Mann schwer verletzt am Boden. Seine Vernehmung zu diesem grauenvollen Überfall haben die Stuttgarter Richter bereits mehrfach verschoben. Nun soll es am 3. Juli soweit sein.

Türkische Nationalisten

Bis Ende dieses Jahres will die 3. Kammer des Landgerichts auch verschiedene weitere Anklagepunkte gegen die acht Männer, darunter der Stuttgart Vize-Präsident Levent Uzundal, sowie der selbst ernannte Welt-Präsident Mehmet Bagci, hinterfragen. Es geht dabei um Drogenhandel, Nötigung, Erpressung und gemeinschaftliche Zuhälterei, sowie Waffenbesitz. Gerade aufgrund der Waffen verstehen sich die Osmanen Germanis BC als türkische Nationalisten, nahe stehend zur türkischen Regierung und vor allem zum Präsidenten Redcep Tahin Erdogan, dem sie versprachen, in Deutschland  gegen den Auswuchs des Terrorismus zu kämpfen.

Nach wie vor findet das Mammutverfahren aus Sicherheitserwägungen im Hochsicherheits-Gerichtssaal am Gefängnis in Stuttgart-Stammheim statt. Aufgrund der mutmaßlichen Gefährlichkeit und einem eventuell zu erwartenden Aufstand im Gerichtssaal ist eine schwer bewaffnete Hundertschaft der Polizei an jedem Prozesstag vor Ort präsent.

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