Vesperkirche Essen, wo sonst gebetet wird

Pfarrerin Gisela Vogt (Mitte) und Projektleiterin Bärbel Albrecht (rechts vorne) stecken mit den vielen ehrenamtlichen Helfern in den Vorbereitungen für die diesjährige Vesperkirche.
Pfarrerin Gisela Vogt (Mitte) und Projektleiterin Bärbel Albrecht (rechts vorne) stecken mit den vielen ehrenamtlichen Helfern in den Vorbereitungen für die diesjährige Vesperkirche. © Foto: Helmut Pangerl
Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber 10.02.2018

Ein Besucher sagte einmal: ‚Ihr macht euer schönstes Zimmer für uns auf’“, erinnert sich Gisela Vogt, die Pfarrerin der Ludwigsburger Friedenskirche. Geöffnet wird das „schönste Zimmer“, nämlich der Sakralraum der Friedenskirche, im Rahmen der Vesperkirche vom 11. Februar bis zum 4. März. Und zwar für Jedermann.

Bereits zum neunten Mal in Folge findet die Vesperkirche in der Barockkirche, direkt an der Stuttgarter Straße statt. „In Baden-Württemberg veranstalten 36 Gemeinden eine Vesperkirche. Die erste war die Leonhardskirche in Stuttgart“, sagt die Pfarrerin. In Stuttgart sei es allerdings eher eine Armenspeisung. Armut hat laut Pfarrerin Vogt viele Facetten. Die finanzielle Armut sei nur ein Aspekt, auch Kontaktarmut bei Witwen oder einsamen Menschen komme häufig vor. „Alle haben eine Berechtigung hier zu sein“, sagt Pfarrerin Vogt.

Warum findet das gemeinsame Essen für einen symbolischen Preis von 1,50 Euro im Kirchraum, rechts und links der Sitzreihen, statt? „Der Raum gibt uns etwas vor. Es macht einen Unterschied, ob man in einer Turnhalle oder im Kirchenraum sitzt und gemeinsam Zeit verbringt“, erklärt die Pfarrerin.

Ein komplettes Menü

Zwischen 11.30 und 14.30 gibt es eine Suppe, eine Hauptspeise, vegetarisch oder mit Fleisch sowie Kaffee und Kuchen. „Um 12.45 Uhr geben wir einen kurzen drei- bis vierminütigen Impuls: das Wort zur Mitte des Tages“, sagt Vogt. Zu diesem Zweck haben sich die Organisatoren der Vesperkirche den Gong der Musikschule ausgeliehen. Wenn dieser ertönt, legen alle kurz ihre Arbeit nieder und gehen in sich. „Unser Motto ist ja ‚Miteinander für Leib und Seele’. Dieser kurze Impuls lässt den Kirchenraum wie ein eingefrorenes Bild aussehen“, so die Pfarrerin. Danach laufe das geschäftige Treiben weiter.

Die Teilnehmer seien bunt gemischt. Vom studierten Professor bis zum Sozialhilfeempfänger – alles sei dabei. Bekannte Gesichter und Neulinge, alt und jung. „Es entsteht ein eigener Kosmos. Ich frage mich immer, wie dieses schöne Miteinander hier gelingen kann, und warum das in der Gesellschaft nicht klappt“, sagt Vogt. Alle, die wollen, können miteinander ins Gespräch kommen. Nicht nur über religiöse Themen, wobei der Sakralraum auch das eine oder andere Thema evoziere. „Alle lernen neue Leute kennen, mit denen man sonst vielleicht nicht ins Gespräch kämen. Das beeinflusst auch die eigene Haltung“, sagt die Pfarrerin. 550 Mittagessen werden täglich von der Karlshöhe angeliefert sowie rund 45 Kuchen, die von Freiwilligen gebacken und vorbei gebracht werden. Bärbel Albrecht, die Projektleiterin und Pfarrerin Vogt sind die einzigen Hauptamtlichen. Insgesamt sind es um die 500 ehrenamtlichen Helfer, die in den drei Wochen Vesperkirche tatkräftig mithelfen.

„Die Türen zu öffnen und zu helfen, gehört zum christlichen Grundverständnis“, sagt Pfarrerin Vogt. Die Offenheit und die Herzlichkeit zwischen den unterschiedlichsten Menschen sei für sie das Beste an der Vesperkirche.

Info Wer noch Kuchen spenden möchte, kann sich telefonisch anmelden unter (0176) 32 09 01 52. Bei der Vesperkirche dürfen nur durchgebackene Kuchen (ohne Sahne, rohe Eier) ausgegeben werden. Auch auf Alkohol im Kuchen soll verzichtet werden.

www.vesperkirche-ludwigsburg.de

Das diesjährige Programm der Vesperkirche

Der Eröffnungsgottesdienst am Sonntag, 11. Februar, um 9.30 Uhr, markiert den Beginn der Vesperkirche. Die Predigt hält Prälatin Gabriele Arnold.

Ein Mittagessen gibt es im Anschluss, von 11.30 bis 14.30 Uhr, wie jeden Tag bis zum 4.März.

Das Kulturprogramm findet immer donnerstags ab 19.30 Uhr in der Friedenskirche statt und ist kostenfrei.

Am 15. Februar wird der Film „Monsieur Pierre geht online“ gezeigt.

Am 22. Februar findet der Galaabend der Vesperkirche mit dem Bosch Jazz Orchestra statt.

Am 1. März ist Vortrag- und Diskussionsabend mit dem Thema „Wohnungsnot und kein Ende – wie schaffen wir die Trendwende?“ Redner ist Michael Sachs, verschiedene Gäste sind eingeladen.

Den Abschlussgottesdienst am Sonntag, 4. März, hält Pfarrer Thomas Stürmer, Abteilungsleiter des Diakonischen Werks Württemberg. Beginn ist um 9.30 Uhr. hevo