Ludwigsburg Elektrobeats in der Friedenskirche

Nils Frahm ließ in der Ludwigsburger Friedenskirche die Bässe wummern.
Nils Frahm ließ in der Ludwigsburger Friedenskirche die Bässe wummern. © Foto: Werner Kuhnle
Ludwigsburg / Sandra Bildmann 07.05.2018

Der Kontrast zum Eröffnungskonzert am Tag zuvor hätte kaum größer sein können. Nach Ravel und Bruckner im Forum wummerten am Freitagabend Elektro-Beats durch die Friedenskirche. Mit Stücken seines Albums „All Melody“ ist der Hamburger Komponist und Produzent Nils Frahm auf Tour. Sein Gastspiel in Ludwigsburg war ausverkauft.

Vor dem Altar war mit mehr oder weniger getunten Klaviaturen ein riesiges Arsenal an „Werkzeug“ aufgebaut. Um sie zu zählen, benötigte man mehr als zwei Hände. Das Mischpult auf der Bühne hatte noch einen „Komplizen“ im hinteren Bereich der Kirche, außerdem verteilten sich viele und große Verstärker im Raum (Ton: Terence Goodchild).

Frahm ist ein Grenzgänger und bricht mit Konventionen. Eine Kirche als Schauplatz für das große Brummen und Schichten synthetischer Klänge ist gewagt. Doch erst die Akustik einer solchen Stätte rollte für Frahms Musik den roten Teppich aus. Der natürliche Hall rückte seine Musik stellenweise ins Mystische. Vielleicht braucht seine Kunst gerade als groteskes Element das Sakrale einer Kirche zum Entfalten.

Was Nils Frahm produziert, ist weit mehr als Disko-Mucke. Sie bugsiert nicht gequält einen Melodiefetzen durch fette Beats, sondern setzt kunstvoll die einzelnen Mosaiksteine zu etwas Großem zusammen. Nicht in der „Hau-Drauf“-Manier, sondern mit Bedacht, manchmal fast zärtlich. Zum Beispiel dann, wenn die Bässe im Takt des Herzschlags pumpen.

Frahm spielt mit der Dynamik. Bei seinem ersten Stück am Freitagabend lässt er der Musik viel Raum, um entstehen zu können. Zunächst wachsen Tonkonstrukte, lineare Klänge überlagern sich, gleiten in mehreren Schichten ineinander. Das Ohr des Zuhörers meint in den synthetischen Geräuschen Akkordeon und Klarinette zu erkennen, dann ergänzt Frahm den Klangteppich mit Klaviertönen. Zum ersten Mal blinzelt eine Melodie im Sinne einer Liedstimme aus dem Tonkunstwerk hervor. Frahm schaltet karibisch anmutende Sounds sowie Motive aus dem Elektro- und Technobereich dazu. Tief unten vibrieren die Bässe, so dass das Holz der Kirchenbänke von ganz alleine anfängt zu knarzen. Frahm baut einen kontrollierten Rausch auf. Nach rund 15 Minuten bricht das Stück abrupt ab. Frahm selbst vergleicht den Dynamikverlauf mit einem Türkeil.

Flackernde Lichteffekte

Nils Frahm ist ein herausragender Pianist, aber ein noch viel beeindruckenderer Performance-Künstler. Der 35-Jährige vereint Komponist, Interpret, DJ und Unterhalter in einer Person. Er steht nicht einfach an seinen manipulierten E-Pianos, Klaviaturen und Mischpulten, sondern rockt mit Bewegungen aus der Hüfte und den Füßen die (Kirchen-)Bude. Zu einem eigenen künstlerischen Element fügen sich über 30 Scheinwerfer zusammen (Licht: Stuart Bailes), die stellenweise den Rhythmus der Musik visuell nachzeichnen, einen Gegenpol darstellen oder pushen – zum Beispiel, als im zweiten Stück Rhythmen betont werden, die Musik hektischer wird, Melodieschnipsel aufblitzen und das Gesamtkunstwerk eine Fantasiewelt öffnet: Für einige Sekunden mag sich mancher Konzertbesucher in einem Fiktionsfilm gewähnt haben.

Doch Frahm kann auch anders: Bei seinem dritten Stück schwebten bei einem E-Piano-Solo Melancholie und Wehmut durch die Friedenskirche – ein Motiv kehrte variiert immer wieder. Dieses Terrain verließ er jedoch schnell wieder. Zappelnde Rhythmen, flatternde Lichteffekte, fette Beats und wummernde Bässe hielten den Konzertbesucher in einem merkwürdig angenehmen Wahn gefangen. Über etwas anderes nachzudenken, als sich dem augenblicklichen Erlebnis hinzugeben, war kaum möglich. Und dabei ist doch alles nur Melodie – „All Melody“. Es gab stehende Ovationen.