Scala Ein ungekünsteltes Gesamtkunstwerk

Meret Becker, hier im Scala, will mit ihrer Musik in keine Schublade passen.
Meret Becker, hier im Scala, will mit ihrer Musik in keine Schublade passen. © Foto: Martin Kalb
Von Susanne Yvette Walter 09.06.2018

Die „Leisetreterin“ Meret Becker, wie sie sich selbst gerne nennt, erreicht ihr Publikum im Ludwigsburger Scala mühelos. Sie lässt es nicht zu, dass sie in irgendeine Schublade gesteckt wird. Dazu gehören tonale Freiheit und der Mut zu schrillen Klangfarben. Meret Becker entzieht sich jeder bequemen Einordnung und lebt stattdessen ihren Facettenreichtum, dem eine wendige und vielseitige Persönlichkeit zugrunde liegt. Ihre Band folgt genau ihrem Fahrplan.

Die Atmosphäre auf der Scalabühne ist wie im Wohnzimmer, von dem aus das Multitalent Meret Becker Hausmusik macht, die keine Regeln kennt, außer ihre eigenen. Die Schauspielerin, Komponistin, Sängerin, Performing Artist, Produzentin und Bandleaderin lässt in Wort und Klang ihren Emotionen und Assoziationen freien Lauf und das in einer Welt, in der Individualität gern als Exotentum abgetan wird und buchstäblich immer mehr flöten geht. Meret Becker steuert bewusst gegen Klischees. Müssen Instrumente wirklich aufeinander abgestimmt sein, damit ein reizvoller Klang entsteht oder entsteht der auch dann, wenn leichte Schräglagen die Intonation beeinflussen?

Meret Becker nutzt ihre Kunst, um aufzuräumen mit Klischees, die zum Schein die Welt schöner machen, als sie ist. Ihr großes Vorbild: die italienische Schauspielerin Anna Magnani, die im Neorealismus für viele Regisseure der 1950er- und 1960er-Jahre arbeitete. Ihre Hollywood-Karriere habe sich die Magnani damit verdorben, dass sie sich ihre Falten nicht wegoperieren lassen wollte, erzählt Meret Becker ihrem Publikum in Ludwisgburg. Denn: „Die Liebe kommt und geht. Die Narben und die Falten, die daraus entstehen, die darf man behalten. Die hatte sich die Magnani har erarbeitet“, weiß sie. Stilistisch zitiert Meret Becker sämtliche Elemente des Jazz, der spanischen und der lateinamerikanischen Musik. In „Mein Brauttanz“ ist es wohl eine spanische Hochzeit, die gefeiert wird. Das einschlägige Klappern mit Kastagnetten und das typisch andalusische Klatschen deuten darauf hin und dann geschieht, was Meret Becker besonders gut kann. Sie liefert Schlagworte und weckt Assoziationen.

Sie hat nichts übrig für Schönrednerei – im Gegenteil: Sie unterstreicht ihre klare Haltung vor allem Liebesdingen gegenüber gern durch lautmalerische Effekte, die jeder sofort versteht. Da erklingt die allseits bekannte Telefon-Melodie von „Kein Anschluss unter dieser Nummer“, bei einem Abschiedslied, das einer Ansage gleicht: „Such mich nicht, habe keine Geschichte, kein Gewissen und kein eigenes Gericht. Zähl nicht bis zehn. Das ist kein Spiel mehr, lass mich gehen – such mich nicht.“

Ein Abend mit Meret Becker brennt sich ein. Man braucht allerdings die Offenheit, sich auf ungekünstelt gerade Gedankenwege einlassen zu wollen, die beim ersten Hinsehen vielleicht radikal wirken. Abweichen kann jeder und zur Norm zurückkehren, nur Meret Becker offensichtlich nicht, ein Fels in der Brandung im Meer der Gleichschaltung und eine unerschrockene Individualistin, die das Träumen nie verlernt hat.

„Weniger ist mehr“ und „Musique en miniature“ nennt sie selbst ihren Stil. Als Schauspielerin sei sie zum Großteil fremdgesteuert, erinnert sich die Performerin Becker und setzt ungebremst Akzente in einer einzigartigen Show.

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