Da war die Sache dann doch schneller beendet als gedacht. Am Donnerstag war der Auftakt eines Berufungsprozesses, der hätte klären sollen, ob ein 22-Jähriger zugeschlagen oder in Notwehr gehandelt hatte - und am Abend nahmen die Staatsanwaltschaft und der Angeklagte überraschend jeweils ihre Berufungen zurück, sodass es bei dem Urteil des Amtsgerichts Ludwigsburg bleibt: drei Monate und zwei Wochen auf Bewährung wegen fahrlässiger Körperverletzung und versuchter Strafvereitelung.

Ein 22-jähriger Ludwigsburger hatte vor dem Ludwigsburger Lokal "Kanone" einem Schläger einen Fausthieb versetzt, um, wie er sagt, einem Opfer zu helfen (die BZ berichtete). Dafür kassierte der 22-Jährige im ersten Strafverfahren vor dem Ludwigsburger Amtsgericht die Freiheitsstrafe auf Bewährung, was die Emotionen der Öffentlichkeit erregte. Der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft hatten danach jeweils Berufung eingelegt. Deswegen war es zur Verhandlung am Donnerstag vor der 36. Strafkammer am Stuttgarter Landgericht gekommen.

Rückschau: Zu später Stunde des 28. Juni letzten Jahres prügelten sich vor der Ludwigsburger Gaststätte zwei Gruppen junger Männer. Das Ergebnis dieser handgreiflichen Auseinandersetzung: Zwei Personen waren schwer verletzt. Einer sogar so schwer, dass er minutenlang bewusstlos am Boden lag. Der andere erlitt einen komplizierten Kieferbruch. In diesem Augenblick kam der Angeklagte auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei und griff helfend ein, wie er am Donnerstag in der Berufungsverhandlung wiederholte. Er habe den Verletzten hilflos liegen gesehen, die Angreifer weggeschoben und möglicherweise - wie er nun betonte - einem der Schläger einen Fausthieb verpasst.

Diese sogenannte "Nothilfetat" brachte ihm eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung ein. Es half nichts, dass er im ersten Verfahren vor dem Ludwigsburger Amtsgericht beteuerte, er habe Angst gehabt, dass das Opfer sterben könne. Die Amtsrichterin strich zwar den Passus "gefährliche", verurteilte ihn aber wegen fahrlässiger Körperverletzung und zusätzlich wegen versuchter Strafvereitelung. Er hatte bei der Polizei verschwiegen, dass er einen der Beteiligten persönlich kannte.

Was den Fall juristisch interessant machte, war der Umstand, dass nach der ersten Beweisaufnahme sogar die Anklagebehörde den Tatbestand der "Nothilfe" als bewiesen ansah und Freispruch forderte. Alle Tatzeugen hatten nämlich die Nothilfe-Situation voll und ganz bestätigt. Umso unverständlicher scheint, dass neben dem Verurteilten nun plötzlich auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart Berufung einlegte, mit dem Ziel, den Angeklagten zu einer höheren Strafe zu belegen. Man habe nämlich nach eingehendem Aktenstudium festgestellt, dass keinerlei Nothilfetat vorliege. Der Angeklagte sei nicht Helfer, sondern Täter gewesen.

Die Stuttgarter Richter hätten angesichts der konträren Auffassungen klären sollen, ob die Erst-Instanz fehlerhaft geurteilt hatte oder nicht. Das entfällt nun: Der Spruch des Amtsgerichts Ludwigsburg ist rechtskräftig. Die Akteure, die sich damals so heftig gestritten hatten, sind übrigens inzwischen auch verurteilt worden.