Hilfe für Blinde Ein seltsam-starkes Pärchen

Pervin Yavuz (links) und Margarete Eckert-Preisser können sich trotz Altersunterschied und anderen Interessen immer aufeinander verlassen.
Pervin Yavuz (links) und Margarete Eckert-Preisser können sich trotz Altersunterschied und anderen Interessen immer aufeinander verlassen. © Foto: Werner Kuhnle
Bietigheim / Gabriele Szczegulski 30.06.2018

Zwei Frauen gehen Arm in Arm durch die Straßen. Sie lachen, sie haben Spaß, sie stützen sich gegenseitig. Die eine, ältere, humpelt ein bisschen, die andere ist blind. So wie durch die Straßen Bietigheims sind Margarete Eckert-Preisser (70) aus Sachsenheim  und die 21-jährige Pervin Yavuz aus Ludwigsburg auch durch Oxford geschlendert. Denn dort machte Pervin Yavuz einen dreieinhalbmonatigen Sprachkurs in einer der renommiertesten Sprachschulen Europas in Oxford. Und die pensionierte Lehrerin und Künstlerin Eckert-Preisser begleitete sie.

Die ganze Zeit schliefen die beiden in einem wenige Quadratmeter großen Zimmerchen, waren fast 24 Stunden rund um die Uhr zusammen, da muss man sich gut verstehen – trotz des großen Altersunterschiedes. „Ohne Margarete hätte ich mir diesen Traum nie erfüllen können“, sagt Yavuz. „Und ohne die Hilfe von Siegfried Bauer und Dieter Höreth von den Ludwigsburger Rotariern hätten wir beide nicht fahren können“, sagt Eckert-Preisser. „Wir sind ganz enge Freundinnen geworden, das ist kein Mutter-Tochter-Verhältnis oder Oma-Enkelin, das ist eine Beziehung auf Augenhöhe“, fügt sie hinzu.

Die Oxford-Reise war für die blinde junge Frau nicht so normal wie für andere in ihrem Alter. Die Tochter eines in den 1980ern nach Deutschland ausgewanderten türkischen Ehepaares wurde blind geboren. Genauso wie ihr ältester Bruder. Der mittlere Sohn ist, so sagt sie, aber sehend. Kein Arzt, kein Experte, weiß, warum Pervin Yavuz ohne Augäpfel geboren wurde. Der Name dieses Phänomens ist Anophthalmus. Mittlerweile hat sie zwei Kunststoffaugen.

Als das Mädchen in die Schule kam, war klar, Inklusion hin oder her, sie muss zuerst auf eine Schule, in der sie grundsätzliche Dinge lernt, die ihr im Alltag helfen, wie den Umgang mit dem Blindenstock, mit Hilfsmittel wie der Sprachausgabe am Computer, wie dem Erlernen der Blindenschrift Braille. Sie kam in die Nikolauspflege nach Stuttgart.

Als klar wurde, dass sie das Zeug dazu hatte, aufs Gymnasium zu gehen, entschieden sich die Eltern, auszuprobieren, ob ihre Tochter eine inklusive Klasse, mit Assistenz, eines ganz normalen Gymnasiums, besuchen konnte. Pervin Yavuz kam auf das Goethe-Gymnasium in Ludwigsburg. „Ich war es gewohnt, in eine Klasse mit fünf Schülern zu gehen, da war es immer sehr leise, alles ging gemächlich vor sich. In der inklusiven Gymnasialklasse hatte ich zwar eine Assistenz. Aber: Plötzlich hatte ich 27 Schulkameraden in der Klasse, der Lärm kam von überall“, erinnert sie sich. Für einen blinden Menschen ein Graus, Töne nicht richtungsmäßig zuordnen zu können. Reizüberflutung war das, sagt sie. Aber mithilfe der Lehrer und auch der Schüler, die viel dafür machten, dass das inklusive Experiment glückte, gelang es auch. „Mobbing habe ich nie erlebt, sondern immer Rücksichtnahme, aber auch, dass mich alle behandelten wie ein normaler Mensch.“

Musik schafft Selbstbewusstsein

Zum ersten Mal hatte das Mädchen Freunde, die kein Handicap hatten, nahm am sozialen Leben teil. „Ich muss mich auf meine Freunde 100-prozentig verlassen können, deswegen habe ich nur sehr intensive Freundschaften“, sagt Yavuz. Sie begann an der Musikschule Ludwigsburg Klavier spielen zu lernen. Das ging aber nur, weil ihre Musiklehrerin es schaffte, dass der Rotary-Club die Stunden bezahlte, denn Pervins Eltern konnten sich das nicht leisten. Ihre Mutter war Hausfrau und kümmerte sich um zwei blinde Kinder, ihr Vater „schafft bei Bosch“.

Die Lehrerin nahm Kontakt zu Siegfried Bauer, ehemaliger Kirchen- und Stadtmusikdirektor, auf und die Rotarier bezahlten Klavier- und Gesangsstunden. Seither begleiten Bauer und Höreth das Leben der jungen Frau. „Wir haben immer Kontakt, sie wollen bis heute wissen, wie es mir geht, ob sie mir helfen können.“  Die Musik, so sagt die junge Frau, habe ihr als Person unendlich geholfen. „Ich kann gar nicht dankbar genug sein, mein Selbstbewusstsein wurde damit gestärkt“, sagt sie. Bis sie Gesangsunterricht nahm, hielt sie immer ihren Kopf auf die Brust gesenkt – „ganz typisch für von Geburt an Blinde“. Jetzt hält sie den Kopf gerade und stolz nach oben.

Als Pervin Yavuz das Abitur schaffte, erzählte sie Siegfried Bauer von ihrem Traum, einen Englisch-Kurs zu machen. Die Mitglieder des Rotary-Clubs Ludwigsburg schafften es, in einer in ihrer Geschichte einmaligen Spendenaktion, das Geld für den Sprachkurs in Oxford sowie den Aufenthalt in Großbritannien zusammenzubekommen.

Aber Yavuz brauchte eine Begleitung, die fast vier Monate lang mit ihr in England bleiben konnte. Da kam Margarete Eckert-Preisser ins Spiel. In einem Ludwigsburger Sportstudio hatte die Kleinsachsenheimerin Pervin Yaruz und ihre Mutter angesprochen, weil sie hörte, dass die beiden sich auf Türkisch, aber auch auf Deutsch unterhielten. „Ich suchte jemand, der mich bei einem Türkisch-Kurs unterstützte“, sagt Eckert-Preisser. Sie sprach Mutter und Tochter an. Pervin Yavuz half ihr fortan beim Lernen der Sprache. Das war der Beginn einer innigen und tiefen Freundschaft. „Ja, wir sind Jahrzehnte auseinander, haben andere Interessen, Pervin beginnt grade ihr Leben und ich bin nicht mehr streng eingebunden in Arbeitsprozesse, aber neugierig genug, mich auf so ein Abenteuer einzulassen. So konnten wir uns gegenseitig befruchten, es ist schön, dass ich sie kennenlernen durfte“, sagt die 70-Jährige. Und so war es fast klar, dass die beiden gemeinsam nach Oxford reisten. „Ich glaube, wer uns sah, dachte, was ist das für ein seltsames Pärchen“, sagt Eckert-Preisser, die kurz vor der Reise eine Knieoperation hatte und humpelte, und Arm in Arm mit der blinden Pervin Yavuz Oxford erkundete. „Wir halfen uns gegenseitig, wir waren ein Pärchen wie Klaus und Klärchen.“

In Oxford, so Pervin Yavuz, waren sie bald „bekannt wie bunte Hunde“. Der Fahrer des täglichen Busses zum Sprachunterricht, den auch Margarete Eckert-Preisser besuchte, begrüßte sie schon mit Namen. In den Pubs und Cafés in Oxford haben sie einige neue Freunde kennengelernt. Einheimische sprachen sie an, eine Frau wollte sie gar in einer Séance segnen. Für die blinde Frau war der Oxford-Aufenthalt, so sagt sie, „ein Segen“. Sie wurde selbstständiger, fuhr bald auch alleine Bus, traf sich mit Kommilitonen. „Berührungsängste abzubauen ist für mich immer das Anstrengendste, in Oxford ging das wie von selbst.“ Sie referierte auswendig, bekam die höchste Punktzahl in dem Sprachkurs. Es kam die Idee auf, in Großbritannien zu studieren, „aber das war doch ein zu großer Schritt“.

Initialzündung Oxford

Nun studiert sie in Heidelberg Anglistik und Soziologie. Die junge Frau lebt in Ludwigsburg und fährt täglich mit dem Zug nach Heidelberg, „das hätte ich mich vor Oxford nie getraut“, sagt sie. Ihre Studienunterlagen bekommt sie, wie auch Mails, Briefe oder andere Unterlagen aufs Laptop, das eine Sprachausgabe hat oder aber die Texte in Brailleschrift umwandelt. In Heidelberg machte sie ein Orientierungstraining in der Stadt, geht sie mal mit Kommilitonen aus, muss sie sich auf diese verlassen.

Mit Margarete Eckert-Preisser verbindet sie immer noch eine enge Freundschaft. Die beiden gehen zusammen ins Kino. Trotz ihrer Blindheit liebt Pervin Yavuz es, ins Kino zu gehen. Entweder bekommt sie Kopfhörer, mit denen sie die Geräusche und eine Art Moderation hören kann oder aber sie verlässt sich auf ihre Freunde, hört den Stimmen und Geräuschen, die von der Leinwand kommen, zu und lässt sich von ihrer Begleiterin alles Weitere beschreiben. „Das funktioniert super“, sagt sie.

Die nächste große Aktion, die die beiden planen, ist eine Reise nach Oxford im Sommer. Mit ihrer englischen Gastgeberin verbindet die beiden seit ihrem Aufenthalt eine enge Freundschaft, die sie nun durch den Besuch wieder aufleben lassen wollen. Für Pervin Yavuz ist die Unterstützung durch Margarete Eckert-Preisser und auch durch die Rotarier sehr wichtig gewesen: „Früher hatte ich einfach weniger Selbstvertrauen. Jetzt kann ich mir alles vorstellen.“ Mit ihrem Schicksal, blind zu sein, hadert sie nicht. „Das habe ich noch nie, ich bin zufrieden, muss mich halt auf meine anderen Stärken konzentrieren“, sagt sie.

Wie zum Beispiel auf die Sensibilität ihrer Hände und Füße. „Pervin kann alles erspüren“, sagt auch Margarete Eckert-Preisser, der das sofort auffiel. Die Zeit in Oxford gab der ehemaligen Lehrerin und Künstlerin Anstöße zu einer Serie von Lithografien, die sie demnächst der Öffentlichkeit präsentieren will. Die Sachsenheimerin zeichnete Pervins Hände in all ihren Bewegungen. „Diese sind anders, viel fühlender als bei sehenden Menschen“, sagt die Künstlerin. So hat sich die Zeit für sie nicht nur menschlich, sondern auch für ihre Kunst gelohnt.

Träume erfüllen

Pervin Yavuz ist so viel Aufsehens um ihre Person gar nicht gewohnt, aber sie schmiedet, gestärkt durch den Oxford-Aufenthalt, Zukunftspläne. „Lektorin in einem Verlag wäre schön, mein Traum wäre aber, in der Deutschen Botschaft irgendwo auf der Welt zu arbeiten“, sagt sie. Und man weiß ja mittlerweile, dass Pervin Yavuz’ Träume meist in Erfüllung gehen.

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