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Missbrauch
Jürgen Kunz  Uhr

Einfach mal alles loswerden, was einen belastet. Am anderen Ende des Telefons jemanden haben, der einen ernst nimmt, der zuhört, nicht urteilt und auch keine typischen Eltern-Ratschläge gibt. Einfach gesagt, ist das die Aufgabe des Kinder- und Jugendtelefons des Deutschen Kinderschutzbunds. Auch der Orts- und Kreisverband Ludwigsburg bietet dieses anonyme Sorgentelefon an.

Nicht jedes Kind und Jugendlicher hat eine Vertrauensperson, der er alles erzählen kann. Gerade auch deswegen ist das Sorgentelefon ein wichtiges Projekt und wird dieses Jahr von der BZ-Aktion Menschen in Not unterstützt. Die BZ hat mit der Ersten Vorsitzenden Christa Holtzhausen über den Kinderschutzbund gesprochen. 2008 hat sie beim Kinderschutzbund angefangen und zwar beim Kinder- und Jugendtelefon. „Ich war früher Stewardess und da muss oder darf man mit 55 Jahren in Rente gehen“, sagt Holtzhausen. „Ich wollte aber am Ball bleiben“, ergänzt sie und erklärt damit den Schritt zum Ehrenamt.

Denn Berater beim Sorgentelefon wird man nicht einfach so. Das erfordert Arbeit und Zeit. In einem 100-stündigen Seminar wird den Teilnehmern das nötige Werkzeug an die Hand gegeben. „Sie sitzen alleine am Telefon, da ist das Seminar das Gerüst“, erklärt die Erste Vorsitzende und ergänzt: „In der Ausbildung lernt man beispielsweise neutral zuzuhören. Das ist ziemlich schwierig.“ Denn nicht immer geht es beim Sorgentelefon um so schwierige Themen wie Gewalt und Missbrauch. Manchmal sind es auch vermeintlich kleine Probleme wie Fragen zur Sexualität oder Liebeskummer. Manche Eltern hätten Schwierigkeiten, den ersten großen Liebeskummer ernst zu nehmen. „Man sollte versuchen sich zurückzuversetzen und einfühlend reagieren“, sagt Holtzhausen nicht nur über die Berater, sondern auch als Tipp an die Eltern. Immerhin habe man selbst auch schon so gefühlt.

In solchen Fällen helfe es, dass am Telefon eben nicht die eigenen Eltern, Geschwister oder Freunde sitzen, sondern ein anonymer Berater, der nicht wertet. Doch diese Anonymität birgt gerade für die Berater auch eine Bürde. Etwa, wenn es um Themen wie Suizid, Magersucht und sexuellen Missbrauch geht. „Da möchte man manchmal gerne durch das Telefon steigen und das Kind umarmen“, erinnert sich Christa Holtzhausen an ihre Zeit als Telefonberaterin. Zudem sagt sie, dass gerade diese Themen das Kinder- und Jugendtelefon in Zeiten sozialer Medien wie Facebook, Instagramm und Whatsapp immer noch so wichtig machen.

„Ich hatte an meinem ersten Tag schon einen Anruf wegen sexuellen Missbrauchs. Das nimmt man mit nach Hause.“ Doch auch solche Fälle werden in den Seminaren geübt und ausgebildet. Zudem gibt es regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen der Ehrenamtliche. Ein weiteres Thema in der Ausbildung sind Scherzanrufe. Rund 75 Prozent der Anrufe sind sogenannte „alternative Kontakte“. Auch da gilt es ruhig zu bleiben und es vielleicht auch mal mit Humor zu nehmen.

15 Berater sind derzeit beim Kinder- und Jugendtelefon tätig. „Wir bräuchten mehr Berater“, findet Holtzhausen klare Worte. Etwa 4000 Anrufe hat der Standort Ludwigsburg im Jahr 2017 entgegengenommen. Allein für das Telefon wären 30 Berater ideal. „Wir hatten aber auch mal 10 000 Anrufe.“ Die Zahlen sind zwar rückläufig, allerdings ist das Telefon montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr besetzt und in zwei Schichten aufgeteilt. Dazu kommt eine E-Mail-Beratung, die 24 Stunden erreichbar ist. Zudem gebe es Überlegungen bald eine Chatberatung anzubieten.

Die Berater sind alle Ehrenamtliche. Die Ausbildung dauert rund ein dreiviertel Jahr und wird vom Kinderschutzbund Ludwigsburg bezahlt. „Diese Ausbildung kostet uns viel Geld.“ Dafür verpflichten sich die Ehrenamtlichen zunächst zwei Jahre lang für das Sorgentelefon tätig zu sein. Oft entscheide es sich nach dieser Zeit, ob ein Berater dabei bleibt oder nicht. „Es ist wichtig, dass das Ehrenamt zu mir passt“, sagt Christa Holtzhausen.

Info Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter der Nummer 11 61 11 aus ganz Deutschland montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr erreichbar. Seit 1972 bietet der Kinderschutzbund Ludwigsburg ein Sorgentelefon an. Die Deutsche Telekom AG übernimmt die Telefonkosten für allen 79 Standorte in Deutschland.

Spendensammeln für Menschen in Not

Die 42. BZ-Aktion Menschen in Not wurde am 19. November gestartet. Auch in diesem Jahr sollen die Spenden für die Diakonischen Bezirksstellen Bietigheim und Vaihingen, das Caritas-Familienzentrum Bietigheim-Bissingen und den Bietigheimer Krankenhaus-Förderverein „Kusaidia Afrika“ gesammelt werden. Außerdem will der Verein BZ-Aktion Menschen in Not in diesem Jahr den Ludwigsburger Kinderschutzbund unterstützen.

Spendenkonto:

Kreissparkasse Ludwigsburg,
DE82 6045 0050 0007 0300 04. knz