Jährlich kommen 60 000 Patienten in die Notaufnahme des Klinikums Ludwigsburg, das sind 150 bis 160 Patienten pro Tag. Ihre Angehörigen folgen ihnen unmittelbar nach der Einlieferung oder sind sogar schon bei der Anmeldung dabei. „Das sind pro Patient noch mal einige Menschen, die in unseren drei Wartebereichen auf Nachricht harren und eigentlich auch betreut werden müssten“, sagt Dennis Schmidt, Bereichsleiter Pflege in der Notaufnahme.

Ganze Familie

Teilweise kommen ganze Familien in Begleitung der Patienten, sie bevölkern den Wartebereich für Stunden. „Das Pflegepersonal kann sich nicht in dem Maße, wie es notwendig wäre, um die Angehörigen kümmern“, sagt Schmidt. Das führe zu Stress, Druck und Unzufriedenheit – bei den Angehörigen, aber auch beim medizinischen Personal. Und unter den Wartenden auch, denn jede Kultur, so Schmidt, gehe anders mit Schmerz um und störe sich vielleicht gegenseitig.

„Der Zeitpunkt, an dem Patient und Angehöriger aufeinandertreffen, ist immens wichtig, er darf nicht verpasst werden“, sagt Schmidt, „aber oft sind wir so überlastet, dass wir an die Angehörigen nicht in dem Maße denken, wie sie es verdient hätten.“ Das brachte ihn und die Klinik-Pfarrerin Susanne Digel auf die Idee, ehrenamtliche Notaufnahmebegleiter auszubilden, die sich um die Angehörigen in der Notaufnahme kümmern können und ein Bindeglied, so Schmidt, zum medizinischen Personal sind.

Seit April werden nun zehn Freiwillige, die aus 60 Bewerbern ausgewählt wurden, zum Notaufnahmebegleiter ausgebildet. Sie machen ein Jahr lang an 21 Abenden und drei Wochenenden Kurse, die die evangelische Landeskirche anbietet. „Es geht vor allem um Gesprächsführung in Krisensituationen“, sagt Susanne Digel. Denn die Wartezeit in der Notaufnahme sei eine Krisensituation. „Die Wartenden wissen nicht, was mit ihrem Angehörigen ist, sie sind in einer Ausnahmesituation“, sagt sie. Das Pflegepersonal oder die Ärzte in der Notaufnahme hätten keine Zeit, sich um sie zu kümmern.

Die Notaufnahmehelfer müssten vor allem sensibel auf die Angehörigen reagieren, sie ansprechen, zuhören. Während ihrer Ausbildung seit April verbringen die angehenden Notaufnahmehelfer auch schon Zeit in der Notaufnahme. „Ihre Ausbildung ist ein Prozess, da das für uns neu ist, aber auch für die Patienten, deshalb reagieren wir sofort auf die Erfahrungen“, sagt Schmidt.

Einfache Ideen

Schon jetzt hätten sich die Ehrenamtlichen mit guten Ideen zur Verbesserung der Lage eingebracht: „Die häufigste Frage, die uns gestellt wird, ist, wo gibt es hier etwas zu essen und zu trinken“, sagt Schmidt. Eine Helferin habe vorgeschlagen, in den drei Wartezimmern einfach ein Plakat aufzuhängen, in dem auf den Krankenhauskiosk aufmerksam gemacht wird und so die Fragen überflüssig würden. „Oft sehen sie Sachen, die so einfach sind, aber uns Profis nicht einfallen“, sagt Schmidt. Meistens aber sei es die Aufgabe der Helfer, Angestellte und Angehörige zu entlasten. „Es ist natürlich klar, dass eine Mutter wissen will, was mit ihrem Kind ist, aber es hilft keinem, wenn sie zehn Mal irgendeine Pflegekraft auf dem Flur fragt“, erklärt der Pflegeleiter. Hier sollen die Notaufnahmehelfer eingreifen, die richtige Ansprechperson befragen und den Angehörigen beruhigen.

Wenn eine Mutter aus dem Krankenhaus angerufen werde, dass ihr Kind in der Notaufnahme ist, „dann ist Polen offen“, sagt Schmidt. Die Frau käme dann in der Klinik an, aufgeregt. Es sei schon oft vorgekommen, dass der Ablauf in der Notaufnahme immens dadurch gestört worden sei. „Es würde allen helfen, wenn sie dann erst mal von einem Unbeteiligten beruhigt würde, der ihr vielleicht sagen kann, dass es nur ein gebrochenes Bein ist“. Dennis Schmidt fallen viele solcher Beispiele ein, er gibt seine Zufriedenheit über diese neue Idee zu: „Wir sind eine der ersten, die das ausprobieren, ich glaube, dieses Modell kann zum Erfolg für alle Beteiligten werden“, sagt er.

Menschen anderer Kulturen

In der Ausbildung wird auch darauf abgezielt, auf Menschen aus anderen Kulturen einzugehen. „Muslime kommen meist mit mehreren Dutzend Leuten, aber nur einer von ihnen ist der, der informiert werden soll“, sagt Schmidt. In solchen Fällen könne dies der Notaufnahmehelfer regeln, auch, dass diese Familienzusammenkünfte andere nicht stören. „Er kennt sich in der Notaufnahme aus und kann einen Platz organisieren“, so der Pfleger.

Derzeit sind die Notaufnahmehelfer in der Ausbildung nur sporadisch stundenweise in der Notaufnahme, aber auf lange Sicht soll zumindest zu den Spitzenzeiten von Donnerstag bis Sonntag, ab 16 Uhr, wenn die meisten Patienten laut Statistik in die Notaufnahme kommen, ein Notaufnahmehelfer da sein. Ob aber weitere ausgebildet werden, sei noch nicht klar, so Susanne Digel, das stelle sich im April 2020 heraus, wenn der Kurs zu Ende sei. Aber es sei bedarf an mehr Notaufnahmehelfern und auch das Krankenhaus Bietigheim soll mit Helfern ausgestattet werden. Die Kliniken Holding kostet dieses Projekt kaum etwas. Die Ausbildungskosten wurden durch Spenden bezahlt, die eigens für die Notaufnahmehelfer gesammelt wurden, so Digel.

Überschrift Infokasten einzeilig


Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz