Ludwigsburg / Von Bernd Winckler  Uhr

Dies dürfte einer der aufwühlendsten Verhandlungstage im Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht um den gewaltsamen Tod der zweifachen Mutter Nadine Ertugrul aus Ludwigsburg gewesen sein: Eine am Dienstag vom Gericht vernommene Zeugin – die Nachbarin des Ehepaares – hatte, wie sie jetzt bestätigt, der Ludwigsburger Sonderkommission einen Brief geschrieben und darin einen anderen möglichen Täter beschuldigt, nämlich den neuen Freund der später Getöteten.

Bereits seit längerem pflegte der Ehemann von Nadine intensiven Chat-Kontakt mit Frauen, die er über ein Internet-Portal kennengelernt hatte. Eine 44-Jährige, die die Ludwigsburger Polizei aufgrund der Chat-Speicherungen ermitteln konnte, stellte sich am vierten Prozesstag den Fragen der Richter. Allein an jenem 12. Oktober 2015, in der Nacht, in der Nadine nach einem angeblichen spontanen Einkaufsbummel verschwand, habe sie mit dem auf der Anklagebank sitzenden Ehemann zahlreiche Textnachrichten ausgetauscht. Belangloses, aber auch familienbezogene Nachrichten.

Die Ehefrau habe ihn betrogen, schrieb der heute 43-Jährige. Und dass sie an diesem Abend verschwunden sei. Sie habe Brot und Toast einkaufen wollen. Die Text-Unterhaltung endete erst kurz vor Mitternacht.

Eine zweite Frau, die das Ehepaar persönlich kannte, pflegte ebenfalls virtuellen Kontakt mit dem Angeklagten. Und sie wusste im Zeugenstand weitaus mehr zu erzählen als die erste Chat-Partnerin.

Allein am Abend des 12. Oktober, dem Abend, an dem der Angeklagte aus Sicht der Staatsanwaltschaft Nadine im Hobbykeller des Ludwigsburger Eigenheims getötet haben soll, listet die Zeugin an die 30 Chat-Unterhaltungen mit dem Angeklagten auf. Beginnend um 19.55 Uhr bis 23.03 Uhr. Jeweils im Abstand von Minuten. Dabei ging es wieder um das Verschwinden von Nadine, wie sie ihm Mut machte und zum Beispiel schrieb: „Wer weiß, wann sie wieder eintrudelt.“

Zeugin lässt kein gutes Haar an dem späteren Opfer

Ansonsten lässt die frühere Chat-Partnerin des Angeklagten kein gutes Haar an dem späteren Opfer: Seit die zweifache Mutter ihren neuen Freund hatte, hätte sie sich nicht mehr um die beiden Kinder gekümmert, sei keine liebevolle Mutter gewesen. Das spätere Opfer soll eine Eigentumswohnung gesucht haben, in die sie mit dem neuen, noch verheirateten Freund und einem dann zu erwartenden dritten Kind einziehen gewollt haben soll. Und: Sie habe ein extremes Geltungsbewusstsein an den Tag gelegt.

Dann verlas der Vorsitzende Richter einen Brief, den diese Zeugin nach dem Verschwinden von Nadine letztes Jahr an die Polizei anonym geschrieben hatte: Darin versucht sie die Ermittler aufzuklären, dass es einen anderen Täter gäbe, der allerdings ein wasserfestes Alibi habe und man deshalb den Fall nie aufklären werde. Sie beschreibt damit den neuen Freund von Nadine, vor dem der Angeklagte Angst habe, Angst, dass dieser Mann seinen Kindern was antun könne.

Zeugin versucht, den Freund des späteren Opfers zu belasten

In dem Brief schildert die Zeugin auch das spätere Opfer, und dass es durchaus möglich sei, dass Nadine den neuen Freund erpresst habe, dass sie eventuell die gemeinsame Beziehung der Ehefrau des neuen Freundes mitteilen wollte – und deshalb getötet wurde. Denn der Freund, Besitzer eines Porsche, sei gewalttätig, alle hätten Angst vor ihm. Gleichzeitig habe Nadine auch die Hausschlüssel verloren. Wer in dessen Besitz gelangte, ist unklar. Nadine habe sicherlich an jenem 12. Oktober ein Treffen mit dem Freund gehabt, und ihn dabei wohl erpresst.

So könnte es gewesen sein, sagt jedenfalls die Zeugin. Während der Verlesung des Briefes war es im Saal 1, dem größten Verhandlungssaal des Stuttgarter Landgerichts, auffallend still, obwohl die Zuhörerbänke voll besetzt waren.

Der Richter fragt kritisch nach, ob es sich beim Inhalt dieses mehrseitigen Briefes um Fantasie handele. Die Zeugin bestätigt, dass es sich tatsächlich um ihre eigene Fantasie handelt. Und auf die Frage, ob sie die Freundin des Angeklagten sei, kontert sie mit einem deutlichen Nein. Sie habe den Kontakt mit ihm aus rein menschlicher Natur gepflegt. Dass sie nahezu eine ganze Nacht mit dem Angeklagten Textnachrichten im Minutentakt ausgetauscht habe, nimmt ihr der Nebenklägeranwalt der Mutter von Nadine nicht ab. Er hat Bedenken angemeldet.

Die Ludwigsburger Polizei hat das Alibi des Freundes von Nadine bereits untersucht, und nichts Verdächtiges feststellen können. Der Mann stand unter Tatverdacht, ist aber inzwischen entlastet. Er wurde bereits am zweiten Prozesstag als Zeuge vernommen. Damals wollte er zunächst nichts sagen, und gab dann nur kurze Antworten auf die Fragen des Richters.

Info Am nächsten Montag, dem 5. Prozesstag, sollen weitere Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten und des Opfers vernommen werden.