Eine Frau, sie war Hofdame der Herzogin am Ludwigsburger Schloss, war mit einem schmucken Soldaten verheiratet. Als Hofdame musste sie parlieren, spazieren, sticken und stricken, auch vorlesen. Doch war sie schon in jungen Jahren Witwe geworden, ihr Mann hinterließ ihr zwei Kinder, mit denen sie in einer Kammer im Schloss lebte. Sie vermisste es, einen Mann zu haben, daher nahm sie sich einen als Liebhaber – und verfiel ihm. Sie wollte ihn heiraten. „Liebchen, du weißt doch, es stehen zwei Augenpaare zwischen uns“, sagte der aber zu ihr.

So stieg sie die Stufen im Treppenhaus empor, trat in ihre Kammer ein, griff sich eine Stricknadel und – stach den Kindern die Augen aus. Als sie zu ihrem Liebhaber ging und ihm sagte, dass sie nun heiraten könnten, fragte er voller Furcht: „Oh nein, was ist mit meinen Eltern geschehen?“ Die Hofdame begriff und eilte, um nach den Kindern zu sehen, aber sie waren bereits tot. Daraufhin trat sie auf den Balkon und stürzte sich in die Tiefe. Seitdem erscheint sie dem herzoglichen Geschlecht vor dem Tod als weiße Frau.

„Aber dieses Schloss ist jung, oh, so jung“, sagt Xenia Busam zur Menschentraube mit der sie bei Nacht im Innenhof des Ludwigsburger Barockschlosses steht. „Was sind schon 300 Jahre, gemessen an der Ewigkeit?“, fragt sie. Xenia Busam ist professionelle Erzählerin. Seit gut 20 Jahren erzählt sie Geschichten, Märchen, Sagen. Mit Bedacht wählt sie jedes Wort aus, spricht jede Silbe in aller Deutlichkeit, da wird nicht geschludert mit den Wortendungen. Die Führung „Eiskalt – bei Fackelschein im Park des Ludwigsburger Schlosses“ ist ein märchenhaft-gruseliger Rundgang durch den Schlossgarten. Die Geschichte der weißen Frau aus dem Schloss sei zu jung, um eine echte Sage zu sein, so die Märchenerzählerin, daher erzählt sie ihren Zuhörern auf dem Rundgang durch Schloss- und Märchengarten die wahre Geschichte der weißen Frau – nämlich die des Wildhüters, dessen Tochter und eines Jünglings von der Felsenburg. Eine Erzählung voller Magie, sowohl weißer als auch schwarzer, grausamer Gräueltaten und Liebe. Diese wahre Geschichte der weißen Frau ist ebenso erfunden wie die der Hofdame, und zwar von Busam selbst. „Ich habe sie mir in der Tradition der alten Sagen ausgedacht, denn Ludwigsburg ist noch zu jung, um eigene Sagen zu haben. Märchen sind uralt“, sagt sie. Beim Geschichtenerzählen sei es wichtig, die menschlichen Dinge dahinter zu benennen. Dadurch passiere etwas im Kopf des Zuhörers, er selbst fühle die Erzählung. Auch die absichtlich gesetzten Pausen zwischen den einzelnen Wörtern seien wichtig, um die Zuhörer mitzunehmen, regelrecht in den Bann zu ziehen. „Wenn man sich einen Film anschaut, ist man sehr im Außen“, sagt Busam und vergleicht das Fernsehen mit dem Konsum von Fast-Food. Märchen jedoch seien harte Arbeit für beide Seiten – für den Erzählenden und den Zuhörer. „Man kann nebenher keine Chips essen“, scherzt sie. Erzählen habe etwas mit Macht zu tun, denn Märchen erzeugen Emotionen im Zuhörer. Größtenteils bestehen ihre Gruppen, die sie durch den Schlossgarten oder auch durch Ludwigsburgs Innenstadt führt, aus älteren Zuhörern, „die das noch aus ihrer Kindheit kennen“, so Busam. „Aber die Jungen, die mitgehen, haben sich bewusst dafür entschieden“, ergänzt die Erzählerin. Das sei „mal was Neues“ für sie, wobei das natürlich ein Widerspruch in sich ist, bei uralten, wenn auch künstlich nachgealterten, Märchen.

Info Xenia Busam bietet verschiedene Führungen an: Gruselige, erotische und fesselnde Sagen in der Tradition uralter Märchen. Infos gibt’s online.

www.maerchenklang.de