Schlossfestspiele Die Stunde des Grenzgängers

Das Casal Quartett (vorne) trat mit Pianist Fazil Say im Ordenssaal des Schlosses auf.
Das Casal Quartett (vorne) trat mit Pianist Fazil Say im Ordenssaal des Schlosses auf. © Foto: Oliver Bürkle
Susanne Yvette Walter 23.06.2018

Fazil Say gehört zu den absoluten Individualisten unter den Pianisten von Weltformat. Er komponiert Stücke in seiner ganz eigenen Handschrift zwischen arabeskem Pop, orientalisch geprägtem Minimalismus in einem impressionistisch angehauchten Flair, das Naturgeräusche lebendig miteinbezieht. Das Casal-Quartet bot ihm bei seinem dritten großen Auftritt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen am Donnerstagabend im Ordenssaal des Residenzschlosses einen feurigen und vor Energie sprühenden Unterbau.  Grenzgänger haben ihre große Stunde bei diesen Schlossfestspielen – Fazil Say ist einer davon.

Spielwiese Kammermusik

Das Subtile in der Musik, das Ungewisse, Motto dieser Schlossfestspiele, hat unendlich viele Gesichter. Eines, das Kenner und Liebhaber des Genres immer im Hinterkopf haben, gehört Fazil Say. Der Sohn eines renommierten türkischen Musikwissenschaftlers studierte schon als Jugendlicher Musik am Konservatorium von Akara, war in der Meisterklasse des amerikanischen Komponisten David Levine und konzertierte bald solistisch auf allen Kontinenten – bis heute. Seine  internationalen Karriere begann, als Say 1994 den „Young Concert Artists“ Wettbewerb in New York gewann. Von da an gaben ihm große amerikanische und europäische Orchester ihr Geleit.

Eine besondere Spielwiese findet Fazil Say in der Kammermusik mit adäquaten Partnern, die wie er voller Dymanik und rasantem Tempo neckische Pointen setzen – auch in „grundsoliden“ Werken wie Joseph Haydns Streichquartett Nr. 81 in G-Dur. Das ist der Opener zum großen Kammerkonzert mit Fazil Say im Ordenssaal.

Zu Beginn steht der Bratscher Markus Fleck auf und entschuldigt seinen Zwillingsbruder Andreas Fleck, den Cellisten, der gerade Vater wird. An seiner Stelle spielt Sebastian Braun und keine Nuance verrät, dass er nicht fest im Quartettboot sitzt. „Das ist wie wenn man einen neuen Arm angenäht bekommmt“, witzelt Markus Fleck. Stimmt nicht. Braun pointiert den schwungvollen Duktus, mit dem das Casal-Quartett Haydns Streichquartett befeuert.

Hier wird keine Note einfach nur so gespielt. Den Charakterkopf Say erleben Hunderte von Zuhörern im ausverkauften Konzert dann in Reinkultur in einer Eigenkomposition, die einen Beitrag zur Weltmusik liefert.

Politisches Engagement

Says Name steht auch für politisches Engagement. Er formuliert eine Hommage an Atatürk und überschreibt die Sätze mit „Enlightement“, „Struggle against Darkness“, „Believing in Life“ und „Plane Tree“. Anfangs werden Erinnerungen an den Impressionismus wach, Vogelgezwitscher kommt dazu. Die Streicher packen ihr ganzes Können in Sachen Bogentechnik aus: Col-Legno-Effekte, das Schlagen mit dem Bogenholz auf die Saiten, Stakkati und fliegende Bögen sind keine Seltenheit. Flageoletts in den höchsten Lagen kommen dazu und Glissandi. In rasantem Tempo bewegt sich eine Klangwolke, manchmal zart und frei schwebend, mal so düster wie bei einem nahenden Gewitter durch den Ordenssaal. Sprachlos lauscht das Publikum. Das ist Musik gewordene Individualität.

Spielerische Rasanz

Seit vielen Jahren begeistert Say die Massen als Brückenbauer zwischen Okzident und Orient, als Mensch, der mit Klischees aufräumt, indem er sie selbst sprengt. Mit Beethovens Klaviersonate und Schumanns Klavierquintett schließt er den Bogen und findet zurück in die traditionell geprägte Notenwelt, und dennoch hört man ihn heraus unter der Flut von Pianisten, die sich an diesen Stücken austoben. Fazil Say und das Casal-Quartett beeindrucken mit einer Form der spielerischen Rasanz, die nichts mit einem Tempomarathon zu tun hat.

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