Ludwigsburg Der Reiz liegt in den Details

Chistirrin (links) und Clown Gensi waren einer der clownesken Höhepunkte. Sie spielten mit dem Unterschied von Klassik und Moderne im Zirkus.
Chistirrin (links) und Clown Gensi waren einer der clownesken Höhepunkte. Sie spielten mit dem Unterschied von Klassik und Moderne im Zirkus. © Foto: Martin Kalb
Ludwigsburg / Von Gabriele Szczegulski 20.07.2018

Tiere gibt es keine mehr in Bernhard Pauls „Circus Roncalli“. Dafür Pferde und Elefanten als Hologramme gleich zu Beginn der neuen Show, die am Mittwochabend Premiere im Blühenden Barock in Ludwigsburg feierte. „Zirkus im Wandel der Zeit“ nennt das Paul und verweist in seiner Eröffnungsrede auch auf abbaubare Trinkbecher, vegane Zuckerwatte und vegetarisches Essen. Dennoch: Tritt man in sein nostalgisches Reich mit historischen Zirkuswagen, Wiener Kaffeehaus und einem Zelt von annodazumal, ist man in einer anderen Welt, die nicht nach Wandel, Zukunft oder Moderne schreit und in der der Zirkus noch mit zwei C geschrieben wird.

Das Pferd ist aus Holz

Bei Roncalli, auch wenn das Pferd aus Holz ist und von Menschenbeinen getragen wird, es keine Elefanten- oder Löwendressurnummer mehr gibt, ist die Zeit stehen geblieben. Da liegt der Reiz in den kleinen Dingen, da gibt es noch viel Liebe zum Detail und manchmal liegt auch der Teufel im Detail, wenn doch mal was schief geht in der ansonsten perfekten Zirkusartistik. Zu diesen handgemachten Artistiknummern ist das im Vorfeld hochgepriesene Hologramm im Vergleich eine alberne Neuheit.

Sehr vollgepropft und lang ist das Programm. 24 Nummern hält es parat und da geht es Schlag auf Schlag. Rasanz in der Abfolge bedeutet aber nicht Kurzweile. Die Zirkusnummern sind perfekt, witzig, atemberaubend, spannend  aber zu viel. 130 Minuten sollte das Programm dauern, 160 wurden es am Ende.

Schön ist, wie die Artisten mit der Spannung alt und modern umgehen. Da gibt es den klassischen Weißclown Gensi (Fulgenci Mestres), der versucht, die Tupfen aus seinem Tuch zu zaubern, und mit dem jungen Artisten Chistirrin (Marco Antonio Vega) um die Gunst des Publikums wetteifert, die der anfangs ungeschickte, später perfekte Clown und Akrobat Chistirrin gewinnt. Diese Nummer steht für die Konzeption von Roncalli, Altes, wenn es gut ist, zu belassen, und Neues einzubauen. Die Nummer von Gensi und Chistirrin ist im Roncalli-Programm eine der besten Clownsnummern.

Unzählige Clownsnummern zeugen davon, dass Bernhard Paul selbst gerne lacht, was er bei der Premiere, obwohl er sicher jede Nummer aus dem Effeff kennt, lauthals macht. Abgewechselt werden die komischen Akzente von akrobatischen und da bleibt dem Zuschauer oft der Atem stocken: Auch wenn die Cedeno-Brothers bei ihrer Performance ein-, zweimal patzen, sie sind ein Höhepunkt des Abends. Brian, Kenny, Ronny und Brandon wirbeln jeweils auf den Füßen des anderen, schlagen Purzelbäume, drehen sich auf den Füßen mit einer Schnelligkeit, die das Herz klopfen lässt. Sie machen die sogenannten „Ikarischen Spieler“: Ein oder zwei Artisten werden von den Kollegen mit Füßen gedreht und in die Luft geschleudert. Als einer mit einem wichtigen Körperteil genau auf die Fußspitzen seines Bruders aufkommt, atmet das Publikum hörbar aus und klatscht jetzt erst Recht.

Zu viele Svarowsky-Kristalle

Es gibt auch Kritikpunkte, die zwar in all der Perfektion und Nostalgie untergehen, aber dem Zirkus der Moderne, wie Paul ihn haben will, nicht entsprechen: Die künstlichen Bewegungen, das aufgesetzte Lachen ist zu viel.

Zwar will Bernhard Paul Theater mit Zirkuselementen verbinden, daran muss noch gearbeitet werden. Auch dass Artistin Lili Paul ein Kostüm, bestückt mit Svarowsky-Kristallen tragen muss, passt nicht zur Konzeption. Trotzdem: Großartige Akrobaten mit einfachen Requisiten, dazu die wohl größte Clownstruppe, die derzeit in einem Zirkus aktiv ist, so Pressechef Markus Strobl, – das Ludwigsburger Publikum dankt mit stehenden Ovationen und glücklichen Gesichtern.

Info Der „Circus Roncalli“ gastiert in Ludwigsburg bis 12. August. Vorstellungen sind Mittwoch bis Freitag, 15.30 und 20 Uhr, Samstag, 15 und 20 Uhr, sonntags 14 und 18 Uhr, Montag und Dienstag sind spielfrei. Tickets online und an der Kasse des „Circus Roncalli“. Eine Bildergalerie gibt es auf

www.bietigheimerzeitung.de
www.roncalli.de

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