Von China nach Deutschland will Qing Qing Sun mit den Aufführungen des Chinesischen Nationalcircus eine Brücke schlagen. Die Chefchoreografin ist die Seele hinter den 30 chinesischen Artisten, die bis Sonntag in der MHP-Arena gastieren. Und weil der Chef und Produzent der Produktion, Kulturmanager und Clown Raoul Schoregge, derzeit in Bonn den Europäischen Zirkus leitet, ist die 36-jährige Chinesin auch die Chefin der Truppe.

Seit 30 Jahren gibt es die Produktionen des Chinesischen Nationalcircus und die Aufführungen in Deutschland. Der Wiener Universalkünstler André Heller schuf mit dem Import jahrtausendealter fernöstlicher Körperkunst damals ein einzigartiges Unterhaltungsformat. Seit dem Jahr 2000 wird das Projekt vom Kulturmanager und Clown Raoul Schoregge weitergeführt. Das Büro von Schoregge sitzt in Havixbeck bei Münster, dort wohnt auch Qing Qing Sun seit neun Jahren mit ihrem Mann und den beiden Töchtern. In Havixbeck, auf dem Lande, entstehen die Ideen für das alljährliche Programm der Nummer eins im Kulturaustausch mit China.

Akrobatiktradition

In diesem Jahr wählten die beiden Artisten für die Weihnachts- und Neujahrsshow in Hannover und Ludwigsburg ein eigenes Thema aus, das Qing Qing Sun realisieren musste. „Wir haben uns eine Geschichte ausgedacht, die auch die chinesische Akrobatiktradition zeigt“, verrät sie. In China gibt es viele Akrobatikschulen, die die Schüler ab dem Alter von acht Jahren besuchen. So wie auch Qing Qing Sun selbst, die auf eine der namhaftesten Talentschmieden chinesischer Zirkuskunst ging, der Tianjin Acrobatic Troupe of China.

Die Geschichte beginnt mit einer Zirkusschülerin, die mit der Laterne durch eine tiefverschneite Landschaft läuft. Schneesturm, Wind und Kälte werden auch in der MHP-Arena spürbar. Schüler einer Artistikschule können wegen des Schnees zu Neujahr nicht nach Hause, um mit ihren Familien gemeinsam zu feiern. Also beschließt die Truppe, die Party in der Schule stattfinden zu lassen. „Normalerweise führen die Artisten ihre Künste für ein Publikum auf, in unserer Show spielen sie quasi für sich, das zeigen wir in Ludwigsburg“, so Qing Qing Sun.

Die 36-jährige castet alle Artisten auf Chinas Spitzenschulen selbst und trainiert sie. „Ich denke dann in Tanzschritten, ich bin  fast stetig in Bewegung, was die Erschaffung von Bildern und Choreografien betrifft.“ Ist die Truppe zusammen, geht es nach Havixbeck, dort wird in einer eigenen Halle das Programm zusammengestellt. „Ich reise ständig zwischen China und Deutschland hin und her oder bin auf Tour mit dem Zirkus“, erzählt die 36-Jährige, die „Artistin durch und durch“ ist, in ihrer Heimat als „Artistin des Volkes“ ausgezeichnet wurde, und bei jedem Programm noch selbst in die Manege steigt. Sie nennt sich die „Oma der Schlangenmädchen“ und kokettiert dabei mit ihrem Alter. In Ludwigsburg ist sie mit einer atemberaubenden Kartenakrobatik zu sehen.

Qing Qing Sun hat Kontorsion studiert, so heißt dieses Fachgebiet der chinesischen Akrobatik, bei dem sich die Artisten bewegen, als ob sie keine Knochen hätten. In kaum einer anderen Sparte der chinesischen Akrobatik sind die Merkmale der oft zitierten Einheit von Körper, Geist und Seele so anschaulich verkörpert.

Nach achtjähriger Schulzeit folgte für Qing Qing Sun die Teilnahme an internationalen Wettbewerben, um sich zu beweisen, wie sie sagt. Sie machte neben ihrer Artistenlaufbahn eine Ausbildung zur Yoga-Meisterin, erlernte Kung Fu, studierte Tanz und Maskenbild und ging bei einem Meister des Bogenschießens in die Lehre, um auch diese Kunst zu erlernen. Dazwischen Gastspiele in Europa, den USA, Japan, Korea, Nord Korea, Australien und den Fiji Inseln.

Als sie selbst 1999 bei einer Produktion des Chinesischen Nationalcircus in Deutschland auftrat, lernte sie Raoul Schoregge kennen. Seit zehn Jahren ist sie seine rechte Hand und Chefchoreografin. Sie vergleicht ihre Tätigkeit mit der eines Malers: „Ich zeichne Aussagen, Geschichten und Emotionen mit Bewegungen. Hierbei ist die Bühne meine Leinwand, der Akrobat mein Pinsel und die Akrobatik die Farbe.“ Wichtig sei ihr, das Publikum emotional zu berühren. „Wenn ich es schaffe, dass die Zuschauer etwas Magie spüren, dann bin ich zufrieden.“

Berührende Show

Qing Qing Sun ist eine moderne Frau, doch bei ihrer Kunst kommt es ihr auf die Tradition an, die in China seit 2000 Jahren ausgeübt wird. „Ich möchte den Deutschen  unsere Kunst zeigen, da haben moderne Elemente nichts zu suchen“, sagt Sun.  Es gebe aber auch Unterschiede zwischen den Aufführungen hier und denen in China. „Chinesen sind eigentlich ganz scheue, introvertierte Menschen, sie wollen sich nicht als ein Star präsentieren, deswegen schule ich unsere Artisten immer in ihrer Selbstpräsentation, sie müssen lernen sich wie eine italienische Diva zu zeigen“, sagt Qing Qing Sun lachend.

„Wenn wir mit unseren Nummern berühren können, sorgen wir vielleicht für ein bisschen mehr Verständnis und Frieden, das wäre mein Wunsch“, so Qing Qing Sun.

Der Chinesische Nationalcirkus


Seit 1989 treten chinesische Artisten im Chinesischen Nationalcircus, den André Heller gründete, auf. Nachdem er sich 1997 aus der Sparte zurückzog, übernahm Raoul Schoregge im Jahr 2000 die Produktion als Produzent und führt diese nun in Europa erfolgreich weiter. Über neun Millionen Zuschauer haben seither die Show gesehen, für die chinesische Artisten an renommierten Zirkusschulen Chinas gecastet werden. Der Chinesische Nationalcircus ist die Nummer 1 im Kulturaustausch und war offizieller Bestandteil des China-Kulturjahres 2012.

Die chinesische Akrobatik kann inzwischen auf eine über 2000-jährige Geschichte zurückblicken. Die Ursprünge liegen einerseits im religiösen Bereich, wo im Buddhismus die Einheit von Körper, Geist und Seele angestrebt wurde. Zum zweiten liegen die Wurzeln im Krieg. So benutzten die chinesischen Feldherren schon in grauer Vorzeit bei ihren gigantischen Heeresaufmärschen eine Art Vorhut, die aus Akrobaten bestand. Der wichtigste Ursprung, so Choreografin Qing Qing Sun, sei aber das Teehaus. In dem engen Raum und mit begrenzten Mitteln wurde gezeigt, wozu der menschliche Körper im Stande ist. Alltagsgegenstände, die im Teehaus vorhanden waren wie Tassen, Teller, Stühle, Tische, Gläser, einfach alles, was greifbar war, wurde zum Requisit.

Vorstellungen des Chinesischen Nationalcircus in der MHP-Arena in Ludwigsburg, Schwieberdinger Straße 30, gibt es am Samstag, 5. Januar, sowie am Sonntag, 6. Januar, jeweils 15.30 und 19.30 Uhr. Die Karten gibt es an den Ticketschaltern der MHP-Arena an beiden Tagen jeweils von 12.30 bis 20 Uhr, am Samstag am Ticketschalter der BZ oder auf der Website der Eventstifter. sz

www.ticket.eventstifter.de